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Unter KI-Verdacht: Darf man noch Gedankenstriche setzen?

Das Wichtigste in Kürze(Anmerkung der Redaktion)

Woran wirken Texte heute schnell wie KI-Texte?Auffällig sind unter anderem sehr glatte Formulierungen, wiederkehrende Textbausteine, Redundanzen und typische sprachliche Muster. Einzelne Merkmale beweisen eine KI-Nutzung jedoch nicht.

Sind Gedankenstriche ein sicheres Zeichen für KI-Texte?Nein. Nicht der Gedankenstrich an sich ist entscheidend. Verdächtig wirken kann vielmehr seine häufige und sprachlich unpassende Verwendung.

Wie verändert KI unseren Schreibstil?Wer regelmäßig mit KI arbeitet, kann deren Muster unbewusst übernehmen. Dadurch können auch Texte ohne KI-Unterstützung wie KI-Texte wirken.

Darf man Gedankenstriche weiterhin verwenden?Ja. Entscheidend ist, dass sie sprachlich passend eingesetzt werden.

Der neue Referendar kommt mit dem Schriftsatzentwurf ins Büro. „Fertig!“ ruft er strahlend und legt fünf ausgedruckte Seiten auf den Tisch. Sie schauen kurz auf, nicken anerkennend und wundern sich: „Wow, das ging schnell. Na, dann bin ich mal gespannt…“ Auf den ersten Blick passt alles. Der Text ist klar strukturiert und sauber formuliert, nur in stilistischer Hinsicht ist er auffällig rund. Vielleicht etwas zu rund. Als ein Kollege reinkommt, drücken Sie ihm direkt die Blätter in die Hand und sagen: „Guck mal rein. Der erste Aufschlag unseres zukünftigen Juniorpartners.“ Er liest eine Seite quer, runzelt die Stirn und sagt: „Klingt gut, aber irgendwie … nach KI.“

Solche Szenen dürften sich mittlerweile in vielen Büros abspielen. Seit ChatGPT, Claude & Co. in den Arbeitsalltag eingezogen sind, hat sich nicht nur die Geschwindigkeit des Schreibens (oder vielmehr: des „Text-Outputs“) verändert, sondern auch der Stil der Texte. Und genau das macht sie verdächtig.

Viele stellen sich die Frage: Darf ich KI nutzen? Wofür? Inwieweit?
Und die Sonder-Bredouille: Was, wenn ich wie KI klinge?

 

Wenn die eigene Handschrift schwindet

Texte von Juristen waren noch nie Orte besonderer Stil-Experimente, aber sie hatten immer schon ihre kleinen Eigenheiten wie den Nominalstil, die Passivkonstruktionen und viele, viele Bandwurmsätze. Diese Merkmale verschwinden langsam. Ändert sich einfach so der Schreibstil in der Jura-Bubble? Nein, es kommt nur mehr und mehr Künstliche Intelligenz (KI) zum Einsatz. In Kanzleien, Büros und auch überall sonst, wo Texte geschrieben werden. In Schriftsätzen, Mandantenschreiben, auf Glückwunschkarten, bei LinkedIn und in Kanzlei-Blogs.

KI-Texte folgen Mustern. Sie klingen plausibel, dabei aber etwas zu korrekt und fast schon roboterhaft. Es fehlt an Ironie, Humor, Lebendigkeit, Brüchen, Emotionen. Sie enthalten nichts Überraschendes oder Provokantes. Hinzu kommt stets eine gewisse Redundanz: Ein Gedanke wird in leichter Variation mehrfach thematisiert. Das passiert natürlich auch Menschen, doch in KI-Texten ist es die Regel.

Das Paradoxe: Je „besser“ ein Text im klassischen Sinn ist, desto „verdächtiger“ wird er. Mittlerweile fragt man sich bei jedem gut formulierten Text erstmal, ob er mit KI geschrieben wurde.

Zu Recht?

 

KI-Checker gibt es überall

Mit schlafwandlerischer Sicherheit oder zumindest detektivischem Gespür behaupten viele (etwa auf LinkedIn), sie könnten KI-Texte auf einen Blick entlarven.

Typische Formulierungen seien etwa:

  • „In einer Zeit…“
  • „Nicht nur …, sondern auch …“
  • „Zusammenfassend lässt sich sagen“

 

Das sind natürlich keine Fehler und vor der KI-Welle hätte sich auch definitiv niemand daran gestört, doch in ihrem inflationären Auftauchen machen sie die Leser mittlerweile stutzig. Sie wirken wie Textbausteine.

Einige Menschen nähern sich dem KI-Stil schon an. Wer mit KI arbeitet (und wer tut das nicht?), übernimmt unbewusst in Teilen deren Muster. Man kürzt, glättet und strukturiert stärker. Immer mehr Formulierungen münden in den typischen Stakkato-Stil und selbst in der gesprochenen Sprache hört man mittlerweile auffällig oft Sätze, die mit „In einer Zeit,…“ beginnen. Das hat den bemerkenswerten Effekt, dass manche Texte unter KI-Verdacht stehen, obwohl gar keine KI genutzt wurde. Verrückte Welt.

 

Texte? Günstig und schnell? Super!

Es gibt diesen bekannten Spruch von Dienstleistern: „Cheap – good – fast: choose two.“ Ähnliches gilt für Leute, die KI-Texte weitestgehend unbearbeitet übernehmen. Sie sagen sich: „Texte? Günstig und schnell? Super!“ Die Qualitätsfrage fällt dann zwangsläufig unter den Tisch, denn entweder müsste man sich länger mit der KI beschäftigen, damit sie den eigenen Stil lernt oder man müsste die KI-Texte länger überarbeiten, was auch wieder Zeit (und damit Geld) kostet. Doch was die KI auswirft, wird von vielen als völlig ausreichend erachtet. Wenn das Sprachgefühl nicht übermäßig ausgeprägt ist oder dem Nutzer der effiziente, kostengünstige Text-Output wichtiger ist als geschliffene Formulierungen, werden die Texte nicht selten einfach so übernommen. Das ist bei LinkedIn ganz offensichtlich. Bei einigen Usern steigt die Zahl der wöchentlichen Beiträge ähnlich auffällig wie sich deren äußere Aufmachung gleicht. Ich sag nur: Leerzeilen und Gedankenstriche. Apropos Gedankenstrich….

 

Punkt, Punkt, Komma, ich…nutze den Gedankenstrich

Mit dem kleinen Gedankenstrich ist das so eine Sache. Lange Zeit galt er als das KI-Erkennungsmerkmal Nr. 1. Und tatsächlich weisen zumindest die ChatGPT-Ergebnisse eine überdurchschnittliche Häufung von Gedankenstrichen auf. Besonders bei LinkedIn wird das auch offen diskutiert. Beiträge, die mehr als einen Gedankenstrich aufweisen, stehen unter KI-Verdacht. Und ich muss sagen: meist zu Recht.

Es war de facto so, dass die Nutzung von Gedankenstrichen vor Einführung von ChatGPT eine Seltenheit war. Auch in Anwaltsschreiben, -artikeln oder Schriftsätzen tauchten sie äußerst selten auf. Pedantische Geister nutzten sie zuweilen, sonst niemand.

Irgendwann in 2024 tauchten dann auf LinkedIn plötzlich massenweise Beiträge mit und über den verräterischen Gedankenstrich auf. In den Kommentarspalten betonte die halbe LinkedIn-Gemeinde, sie hätten „immer schon“ Gedankenstriche gesetzt. Das ist in den meisten Fällen natürlich Unsinn.

Man ahnt schnell, wem man so viel Sprachgefühl zutraut – und wem nicht. Vielen fällt nämlich leider auf die Füße, dass ChatGPT Gedankenstriche oftmals an Stellen setzt, wo definitiv ein Punkt oder ein Komma hingehören. Doch um das zu beurteilen, braucht es wiederum etwas sprachlichen Feinsinn, der den meisten aber fehlt. Insofern verrät auch nicht der Gedankenstrich per se den KI-Text, sondern höchstens der mehrfach deplatzierte.

 

„Zusammenfassend lässt sich sagen…“

KI verändert nicht nur die Art, wie wir schreiben, sondern auch, was wir als guten Stil empfinden. Alles, was auch nur annähernd nach Lehrbuch oder zu wohlformuliert klingt, wird mit KI-Output gleichgesetzt. Da Juristendeutsch oft recht hölzern klingt, ist echte Verwechslungsgefahr gegeben.

Doch wenn ein KI-Text grammatikalisch und inhaltlich korrekt ist, was finden wir dann eigentlich verwerflich? Vielleicht, dass er jeglicher Authentizität entbehrt und vermeintlich keinerlei Mühe im Ergebnis steckt. Seit es KI in die Büros geschafft hat, ist es eben keine Kunst mehr, fehlerfrei zu schreiben. Jetzt zählt es eben mehr, authentisch zu sein. Doch auch das ist mittlerweile eine Gratwanderung.

Und die Gedankenstriche? Die dürfen Sie weiterhin setzen. Vorausgesetzt, Sie wissen auch wirklich, wo.

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