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Microsoft Copilot in der Kanzlei: „Die Einführung eines Tools ist noch keine Veränderung der Arbeitsweise“

Microsoft Copilot ist in vielen Kanzleien verfügbar, wird im Arbeitsalltag aber oft nur punktuell genutzt. Dr. David Schneeberger erklärt, welche Aufgaben sich eignen, worauf es beim Prompting ankommt und wo Kanzleien klare Grenzen ziehen sollten.

 

Herr Dr. Schneeberger, Sie sagen, dass Microsoft Copilot inzwischen in vielen Kanzleien verfügbar ist, bislang aber nur vergleichsweise wenige Anwältinnen und Anwälte die Möglichkeiten wirklich ausschöpfen. Woran liegt das aus Ihrer Sicht?

Schneeberger: Copilot wird häufig beschafft, weil es zur Microsoft-Umgebung gehört. Danach wissen die Mitarbeitenden nicht, was sie damit anfangen sollen. Die Einführung eines Tools ist eben noch keine Veränderung der Arbeitsweise.

Viele nutzen es wie eine Suchmaschine: Frage eingeben, Antwort lesen, fertig. Dabei liegt für mich ein wesentlicher Nutzen darin, mit den eigenen Informationen zu arbeiten und einzelne Arbeitsschritte zu unterstützen. Dafür muss ich wissen, welche Aufgabe ich lösen will, welche Informationen es braucht und woran ich ein gutes Ergebnis erkenne.

Hinzu kommen frühere Erfahrungen. Ich selbst war von Copilot lange wenig überzeugt. Heute nutze ich es viel, weil die Fähigkeiten und die Integration Fortschritte gemacht haben. Ein Urteil über ein Tool muss man deshalb auch wieder überprüfen.

 

Bei welchen Tätigkeiten wird das Potenzial von Copilot in Kanzleien bislang am häufigsten unterschätzt?

Schneeberger: Bei der Vorbereitung und bei den vielen kleinen Aufgaben, die zusammen viel Zeit kosten. Vor einem Gespräch möchte ich wissen: Was haben wir zuletzt besprochen? Was ist noch offen? Welche Unterlagen brauche ich? Wenn die Informationen verfügbar und die Zugriffe eingerichtet sind, kann Copilot helfen, sie zusammenzuführen.

Auch bei Texten geht mehr als Zusammenfassen. Ich kann die Aussagen der Gegenseite für einen Schriftsatz in indirekte Rede umarbeiten lassen. Ich kann eine bestehende Vorlage anhand neuer Angaben aktualisieren. Oder ich lasse einen Mailentwurf darauf prüfen, wie er beim Empfänger ankommt. Gerade wenn ich selbst schon emotional in einem Konflikt stecke, hilft mir dieser Blick von außen.

Ein unspektakuläres Beispiel ist Excel: Ich beschreibe, welche Formel ich brauche, und lasse sie erstellen. Die Berechnung erfolgt danach mit der geprüften Formel. Solche Aufgaben betreffen auch die Assistenz. Deren Zeit gehört ebenfalls zum Aufwand der Kanzlei.

 

Was überrascht Anwältinnen und Anwälte erfahrungsgemäß am meisten, wenn sie Copilot erstmals konsequent im Arbeitsalltag einsetzen?

Schneeberger: Dass sie anders mit ihren Informationen arbeiten können. Ich muss nicht immer erst ein Dokument suchen, herunterladen und hochladen. Je nach verfügbarem Zugriff kann ich auch sagen: Ich habe vor zwei Wochen eine Mail zu diesem Thema erhalten, mit einem Vertrag im Anhang. Hilf mir, sie wiederzufinden.

Das ist für mich der interessante Schritt: vom einzelnen Text zum Arbeitskontext. Allerdings funktioniert das noch nicht immer reibungsfrei. Ich habe selbst nach einem Kontakt gesucht, den Copilot zunächst nicht gefunden hat. Erst ein anderes Stichwort führte zum Treffer.

Auch die Erwartung an Effizienz sollte stimmen. Ich kann Zeit sparen und die Qualität verbessern. Wenn ich aber eine halbe Stunde an einer Mail feile, die ich in fünf Minuten hätte schreiben können, habe ich nichts gewonnen.

 

Welchen Tipp würden Sie Anwältinnen und Anwälten mitgeben, damit Copilot möglichst präzise und praxistaugliche Ergebnisse liefert?

Schneeberger: Fragen Sie sich: Würde ein Mensch diesen Auftrag verstehen?

„Prüfe diesen Vertrag“ lässt vieles offen. Welche Partei vertrete ich? Welches Recht gilt? Was möchte der Mandant erreichen? Welche Risiken soll die Prüfung erfassen? „Mach diese Klausel rechtssicher“ beantwortet keine dieser Fragen.

Ich muss beschreiben können, was ich will. Statt „Kürze den Text“ kann ich sagen: „Kürze diesen Abschnitt um ein Drittel. Erhalte die Begründung und alle Vorbehalte.“ Dazu gebe ich die nötigen Unterlagen mit.

Und ich arbeite im Dialog. Erst kläre ich den Sachverhalt und die Lücken, dann prüfe ich Argumente und entwickle den Text. Dafür braucht es keine Zauberformel. Es braucht einen verständlichen Auftrag und meine fachliche Steuerung.

 

KI-Agenten gelten als der nächste Entwicklungsschritt. Welche Aufgaben in einer Kanzlei könnten solche Agenten künftig tatsächlich übernehmen und wo wird menschliche Expertise weiterhin unverzichtbar bleiben?

Schneeberger: Zuerst sollten wir klären, was mit „Agent“ gemeint ist. Der Begriff wird für sehr unterschiedliche Funktionen verwendet. Ein einfacher Copilot-Agent kann im Kern ein hinterlegter Arbeitsauftrag mit eigenen Wissensquellen sein. Er handelt deshalb noch nicht autonom.

Damit lässt sich schon einiges machen. Ein Agent kann eingehende Anfragen nach Rechtsgebiet, Dringlichkeit, fehlenden Angaben und nächsten Schritten aufbereiten. Für eine Vertragsanalyse kann ich Prüfkriterien, gute Muster und das gewünschte Ausgabeformat hinterlegen. So muss ich die gleiche Aufgabe nicht jedes Mal neu beschreiben.

Bei autonomen Abläufen bin ich zurückhaltend. Ich möchte die Schritte nachvollziehen und steuern können, weil ich das Ergebnis verantworten muss. Menschliche Expertise bedeutet dabei mehr als einen Klick auf „Freigeben“. Ich muss beurteilen, ob die Analyse trägt, welche Informationen fehlen und welche Lösung zum Mandanten passt.

 

Mit Blick auf Berufsrecht, Datenschutz und Vertraulichkeit: Welche Fragen sollten Kanzleien vor dem Einsatz von Copilot unbedingt geklärt haben?

Schneeberger: Viele dieser Fragen beginnen schon beim Einsatz von Microsoft 365. Wer Mandatsinformationen in Outlook oder Word verarbeitet, muss sich bereits mit den Verträgen, dem Datenschutz und der Verschwiegenheit auseinandersetzen. Copilot ist ein Anlass, diese Grundlagen zu prüfen.

Die Kanzlei sollte wissen: Welche Vereinbarungen gelten für uns? Erfüllen sie die Anforderungen an Berufsgeheimnisträger? Welche Daten dürfen wir verarbeiten? Wer erhält Zugriff? Welche zusätzlichen Datenflüsse entstehen durch Websuche oder externe Dienste?

Datenschutz und Berufsgeheimnis sind dabei eigene Prüfungen. Auch die Aussage, dass Daten nicht zum Modelltraining verwendet werden, beantwortet noch nicht alle Fragen.

Meine Empfehlung ist, den konkreten Einsatz anzuschauen: Mit welchen Daten soll Copilot welche Aufgabe erledigen? Daraus ergeben sich die rechtlichen und technischen Anforderungen. Mit dieser Grundlage lässt sich der Einsatz beurteilen und für das Team regeln.

 

Bei aller Begeisterung für die Möglichkeiten: Für welche Aufgaben würden Sie sich heute noch nicht auf Copilot verlassen?

Schneeberger: Für regelbasierte Aufgaben würde ich mich nicht auf eine generierte Antwort verlassen. Berechnungen gehören in geprüfte Formeln. Fristen gehören in einen verlässlichen Prozess zur Berechnung und Kontrolle. Copilot kann mir beim Erstellen einer Formel helfen. Danach soll die Formel rechnen.

Für Rechtsrecherche brauche ich Fachquellen. Ein allgemeines Sprachmodell hat keinen vollständigen Zugang zur juristischen Literatur und Rechtsprechung. Ich kann es als Sparringspartner nutzen, etwa um Rechtsfragen oder Gegenargumente zu sammeln. Die rechtliche Grundlage muss ich prüfen.

Und ich würde kein Ergebnis übernehmen, das ich selbst nicht beurteilen kann. Ein Text kann strukturiert und überzeugend aussehen und trotzdem wenig taugen. „Die KI hat das so gemacht“ ist keine Begründung, die ich einem Mandanten geben kann.

 

Sie halten das Webinar «Microsoft Copilot in der Kanzlei: Effizient im juristischen Alltag einsetzen». Was nehmen die Teilnehmenden aus dem Webinar mit, das sie bereits am nächsten Arbeitstag in ihrer Kanzlei konkret umsetzen können?

Schneeberger: Sie sollen eine eigene Aufgabe auswählen und wissen, wie sie Copilot dafür einsetzen. Das kann die Vorbereitung eines Gesprächs sein, die Überarbeitung eines Dokuments oder ein wiederkehrender Prüfauftrag, den Sie als Agent hinterlegen.

Wir arbeiten dazu an der Einrichtung, den Arbeitsaufträgen und der Anwendung in Office. Entscheidend ist für mich der Transfer: Welche Informationen gebe ich mit? Welche Schritte steuere ich selbst? Was prüfe ich am Ergebnis? Damit lässt sich am nächsten Arbeitstag an einer Aufgabe beginnen, die man fachlich beherrscht.

 

Herzlichen Dank, Dr. David Schneeberger.

Im Webinar am 3. November 2026 zeigt Dr. David Schneeberger anhand konkreter Beispiele, wie sich Copilot sinnvoll in den Kanzleialltag integrieren lässt.

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