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Verstaubte Anwälte: Wie ein Foto wertvolle Kontaktanbahnung zerstört

Die teuer erkaufte erste Sekunde

„Unsere Website? Die reicht. Die läuft seit 15 Jahren, die Fotos haben wir irgendwann mal erneuert, an der Mandantenlage hat sich nichts geändert.“

So oder so ähnlich klingt es in vielen Kanzleien, wenn jemand intern vorsichtig das Thema Außenauftritt anspricht. Und auf den ersten Blick stimmt das. Die Mandate sind da, die Auslastung passt, die Reputation trägt – zumindest, wenn man nur auf die letzten Jahre schaut.

Parallel dazu fließt in fast allen Kanzleien Geld in Sichtbarkeit, ob in Kanzleiportale oder klassische Stellenanzeigen.

Was dabei schnell übersehen wird:

All diese kostspieligen Maßnahmen führen am Ende immer auf dieselben wenigen Kontaktpunkte – meistens Website und LinkedIn. Und genau dort entscheidet sich binnen Sekunden, ob jemand innerlich andockt oder einfach weiterscrollt.

Wer beispielsweise „Rechtsanwalt München“ googelt, landet sehr oft auf Seiten mit Stadtpanorama, Bücherwand und einem biometrischen Passfoto. Die Frage ist: Welche Botschaft vermitteln diese Bilder, bevor überhaupt jemand zum Telefon greift oder eine E-Mail schreibt?

 

Kein Mandantenmangel, aber andere brisante Themen

Rechtsanwält:innen haben in der Regel kein Auftragsproblem. Kanzleien sind sehr gut ausgelastet, oft eher zu gut. Der Schmerz sitzt an ganz anderen Stellen:

  • Gewinnung und Bindung qualifizierter Mitarbeiter und Associates
  • Reputation im Markt, sowohl gegenüber Mandanten und Bewerbern als auch Peers
  • Qualität der Mandate, d.h. die Frage, ob wirklich die Wunschfälle auf dem Tisch landen

 

Für genau diese Themen wird bereits viel investiert – je nach Kanzleigröße in sehr unterschiedlicher Form:

  • kostenpflichtige Kanzleiverzeichnisse, anwalt.de-Profile, lokale Anzeigen
  • Google Ads und andere Performancekanäle
  • Stellenanzeigen, Karriereseiten, Kanzleimarketing
  • Headhunter und Empfehlungsnetzwerke

 

Nur: Der eben noch teuer erkaufte Klick oder Kontakt landet nicht sofort im schicken Besprechungsraum mit den Designermöbeln und der umwerfenden Kunst an der Wand, sondern zuerst auf der Website und den Profilen im Netz. Und dort wirkt nun ein Bildbestand, der fachlich vielleicht niemandem wehtut, aber optisch mehr an den Passbildautomaten im KVR erinnert als an eine führende Kanzlei.

 

Der blinde Fleck: Bildwelt vs. Anspruch

Wer durch die Flure vieler wirtschaftsberatender Kanzleien geht, sieht sehr klar, welche Marke dort gelebt werden soll: Designermöbel, hochwertige Materialien, ausgewählte Kunst, perfekt sitzende Anzüge, die richtige Uhr, der Montblanc in der Tasche, der Porsche in der Tiefgarage.

Im Internet sieht dieselbe Kanzlei dann nicht selten so aus, dass man sich nicht sicher ist, ob diese Stockfotos zu einer Versicherung, einem Immobilienmakler oder einer Arztpraxis gehören.

Wer Premium-Honorare aufruft, aber online nach Low Budget aussieht, sendet widersprüchliche Signale. Das schwächt Vertrauen, nicht nur bei Mandanten, auch bei potentiellen Bewerbern.

In erstaunlich vielen Kanzleien, also gerade dort, wo die Mandate seit Jahren stabil laufen, gilt Marketing immer noch als etwas, das man eigentlich nicht nötig hat.

Gleichzeitig ist die Zurückhaltung bei neuen Bildwelten aber auch verständlich: Der eigene Ruf ist in diesem Beruf ein sensibles Gut, alles, was nach Marketing aussieht, wird besonders kritisch beäugt. Niemand möchte mit „zu viel Persönlichkeit“ oder einem missverständlichen Bild in einer Branche auffallen, die von Verlässlichkeit und Seriosität lebt.

Die Folge ist ein optisch verstaubtes Sammelsurium an Zufalls- und Stockfotos. Für einen Beruf, der Vertrauen verkauft, passt das nur bedingt zum eigenen Anspruch.

 

Was Mandanten und Bewerber in weniger als 3 Sekunden entscheiden

Mandanten und Bewerber sitzen selten mit nur einer einzigen Kanzleiwebsite vor sich.

Typischer Ablauf:

  • Ein Mandant hat mehrere Tabs mit „Kanzlei XY in Stadt Z“ geöffnet und versucht zu entscheiden, wo er anruft.
  • Eine Prädikatsabsolventin vergleicht parallel Großkanzlei, Boutique und Verwaltung und fragt sich: „Wo verbringe ich die nächsten Jahre, was bringt mich fachlich wirklich weiter?“

 

Niemand würde nun von sich behaupten, einen Anwalt nach Fotos auszusuchen. Mandanten schauen – völlig zu Recht – auf juristische Expertise, wie z. B. Fachanwaltstitel, Spezialisierung, Bewertungen, Erfahrung. Bewerber schauen auf Perspektiven, also Karrierepfade, Mandatsstruktur, wer in der Kanzlei sichtbar ist.

All diese Überlegungen laufen vor einem visuellen Hintergrund. Die Bilder liefern den Rahmen, in dem Fachlichkeit überhaupt erst gelesen wird. Sie beantworten die unbewussten Fragen in Sekundenschnelle:

  • „Passt das, was ich hier sehe, zu der Spezialisierung, die hier behauptet wird?“
  • „Wirkt diese Kanzlei so modern und innovativ, wie hier in Großbuchstaben prophezeit wird oder ist sie doch eher in der Zeit stehen geblieben?“
  • aus Bewerbersicht: „Kann ich mir vorstellen, hier und mit diesen Menschen mehr Zeit zu verbringen als mit meinem eigenen Partner?“

 

Wenn dann auf der Startseite ein Stadtpanorama den gesamten Bildschirm ausfüllt, die Kanzleipartner nach mehrmaligen Klicken in einem biometrischen Passbild vor weißer Wand auftauchen ohne erkennbaren Kontext, entsteht ein Eindruck, der mit der fachlichen Qualität nichts zu tun hat. Und genau dieser erste Eindruck entscheidet, ob jemand bleibt oder weiterklickt.

Gerade für Rechtsanwält:innen ist das heikel: Das klassische Berufsbild ist die Vertrauensperson in Konflikt– und Entscheidungssituationen. Wenn die Bildwelt dieses Versprechen nicht unterstützt, kann auch der beste Fließtext darunter nur noch begrenzt auffangen, was in den ersten Sekunden bereits entschieden wurde.

 

Was das betriebswirtschaftlich bedeutet

Für viele Kanzleien ist die Bildwelt kein Nice-to-have, sondern ein Baustein dafür, wie effizient ohnehin eingesetzte Mittel wirken.

Jeder Klick, der über Google Ads oder Kanzleiportale teuer eingekauft wird und nach zwei Sekunden wieder abspringt, verteuert die Mandatsakquise, selbst wenn die Kanzlei insgesamt gut ausgelastet ist.

Beim Recruiting lässt sich der Effekt nur schwer in Zahlen fassen, aber wer mit jungen Jurist:innen spricht, hört immer wieder: Wenn mehrere Kanzleien fachlich ähnlich interessant sind, entscheidet letztlich der Gesamteindruck, und damit auch, wie „heute“ oder „gestern“ eine Kanzlei online wirkt.

Und wer sich im Netz sehr allgemein und austauschbar präsentiert, setzt keinen Filter: Es melden sich zunächst alle möglichen Anfragen, auch solche, die weder zum Stundensatz noch zur Ausrichtung der Kanzlei passen. Eine Kanzlei, die mit Premium-Honoraren abrechnet, möchte ungern erklären, warum sie nicht auf Beratungshilfe-/ PKH-Basis arbeitet.

Natürlich entscheidet die Bildwelt diese Effekte nicht allein, aber sie setzt auf jeden Fall den Rahmen dafür, ob diese Budgets sinnvoll arbeiten oder ins Leere laufen.

 

Drei typische Bildfallen in Kanzleien

Bei einem Streifzug durch Kanzleiwebsites – von der Einzelkanzlei bis zur Großkanzlei – tauchen bestimmte Muster immer wieder auf. Drei davon fallen aber besonders häufig auf.

 

1. Stadtpanorama als Header

München von oben, Skyline von Frankfurt, Drohnenbilder vom Kanzleigebäude. Gerade Großkanzleien mit mehreren Standorten legen zurecht Wert darauf, dass der lokale Bezug sofort sichtbar ist. Der Standort ist wichtig – keine Frage.

Das Problem beginnt dort, wo das Stadtbild entweder ein austauschbares Stockbild ist und/ oder die komplette Bühne einnimmt und die Kanzlei selbst darin nicht vorkommt.

Solange nur Skyline, Fluss oder Fassade zu sehen sind, ist für den Betrachter nicht erkennbar, ob er sich auf der Website einer Kanzlei, eines Immobilienmaklers oder eines Hotels befindet. Das Motiv bleibt austauschbar.

Für Mandanten, die sich mit einem konkreten Anliegen durch mehrere Websites klicken, heißt das: Sie sehen zwar, wo die Kanzlei sitzt, aber nicht, wer dort arbeitet, welchen Schwerpunkt sie hat und was sie von anderen in derselben Stadt unterscheidet.

Gerade in Mandaten, in denen es um hohe Streitwerte und langfristige Begleitung geht, ist das verschenktes Potential. Die Kanzlei verkauft keine Postkarten von Stadt X, sondern das Versprechen, in heiklen Situationen verlässlich an der Seite des Mandanten zu stehen – und genau diese Person bleibt im oberen Bereich der Website unsichtbar.

 

2. Biometrische Passbilder statt Persönlichkeit

Das zweite häufige Muster: Reihung nahezu identischer Porträts der Partner. Frontal, maximal leicht seitlich, enger Bildausschnitt, einheitlicher Hintergrund. Fachlich ist daran natürlich nichts falsch. Es wirkt sauber, ordentlich und unverfänglich.

Die Kehrseite: Es bleibt schlichtweg nichts hängen. Es gibt keinen Kontext, keine erkennbaren Rollen, keine Anknüpfungspunkte für Mandanten oder Bewerber. Kurz gesagt: „Wir reduzieren uns auf die Robe, nicht auf Persönlichkeit und Expertise.“

Gerade für junge Talente, die auf der Suche nach Vorbildern und Entwicklungsmöglichkeiten sind, ist das ein schwaches Signal. Wer da genau sitzt, wie die Personen arbeiten und wofür sie wirklich einstehen, bleibt unsichtbar.

 

3. Hierarchie statt Team

Das dritte Muster ist vor allem auf Teamunterseiten sichtbar:

  • Partner werden groß und prominent inszeniert
  • Associates, wissenschaftliche Mitarbeiter und Backoffice bleiben unsichtbar

Die Botschaft an Bewerber:innen ist eindeutig: „Du wirst hier nie wirklich sichtbar.“ Auch an Mandanten sendet das Signale, nämlich hier zählt an erster Stelle Status, nicht das Zusammenspiel des gesamten Teams, das die Arbeit tatsächlich trägt.

In einem Markt, in dem Kanzleien gleichzeitig über „War for Talent“ klagen und sich als moderne Arbeitgeber positionieren wollen, passt dieses Bild nicht mehr in die Zeit.

 

 

Drei einfache Checkpoints für die eigene Kanzleiwebsite

Wer nicht gleich mit einem kompletten Relaunch starten möchte, kann mit 10 Minuten beginnen. Die eigene Website aufrufen und ehrlich die folgenden drei Fragen beantworten:

1. Wer begrüßt einen auf der Startseite?

Ist dort zuerst die Skyline oder das Gebäude zu sehen, oder eine Person, die für die Kanzlei steht?

2. Wie viele Klicks braucht es, bis Gesichter auftauchen?

Wenn Partner und Team erst nach mehreren Menüebenen in Passfoto-Optik erscheinen, verschenkt die Kanzlei den wertvollen ersten Eindruck.

3. Wirken die Bilder aus einem Guss?

Oder stehen etwa Schwarz-Weiß-Porträts früherer Generationen neben Studiobildern aus den 2000ern und modernen Headshots der letzten Neuzugänge?

Wenn Sie diese Fragen mit „Skyline“, „mehrere Klicks“ und „bunter Mix“ beantworten, haben Sie bereits konkrete Ansatzpunkte: Startbild überprüfen, die handelnden Personen sichtbarer machen und mittelfristig die Bildsprache vereinheitlichen.

 

Warum sich ein genauerer Blick lohnt

Niemand erwartet von Rechtsanwält:innen, dass sie über Nacht zu Markenstrategen oder Bildkonzeptern werden. Ihre fachlichen Themen sind komplex genug.

Was sich aber lohnt, ist ein solcher pragmatischer Blick auf den bestehenden Auftritt.

Wer ohnehin bereit ist, für Sichtbarkeit und Personalgewinnung tief in die Tasche zu greifen, sollte den Moment nicht verschenken, in dem Mandanten und Bewerber binnen Sekunden entscheiden, ob sie bleiben oder doch lieber weiterklicken.

Der Einstieg über die Bildwelt ist kein Selbstzweck und auch keine Frage von schönem Design, sondern ein unterschätzter Hebel im Marketing von Rechtsanwält:innen. Für die Einzelkanzlei kann ein klarer visueller Auftritt der Unterschied sein zwischen „eine von vielen in Stadt X“ und „die Kanzlei, an die man zuerst denkt“. Für größere Kanzleien geht es darum, Mandanten und Talenten zu zeigen, wie sich die eigene Kanzlei von anderen Kanzleien mit ähnlichem Profil und Leistungsportfolio unterscheidet.

Die Ausgangslage ist eine andere, der Hebel ist immer derselbe: Wer die ersten Sekunden im Netz bewusst gestaltet, zahlt damit direkt auf drei Punkte ein, die alle Rechtsanwält:innen kennen – Reputation, die richtigen Mandate und qualifiziertes Personal, statt nur auf alte Gewohnheiten zu vertrauen.

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