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Der Weg in die Selbstständigkeit: zwischen Kanzleitraum und Kontrollzwang

Irgendwann trifft es fast jeden Juristen: Diese kleine Stimme im Kopf. Sie fragt erst ganz leise, dann lauter: „Warum eigentlich nicht selbstständig? Warum weiter rackern für jemand anderen, wenn du auch dein eigener Chef sein könntest?“

Eine eigene Kanzlei – das klingt nach Freiheit, nach echter Unabhängigkeit, nach dem eigenen Namen auf dem Briefkopf und dem guten Gefühl, niemandem Rechenschaft schuldig zu sein außer sich selbst.

Aber Moment mal: Passt das überhaupt zu Ihnen? Sind Sie der Typ für Umsatzsteuer-Voranmeldung, Mandantenakquise und Telefonausfall gleichzeitig? Oder sind Sie doch lieber der Kanzlei-Kletterer mit geregelter Hinführung zum ersehnten Partnersessel im Kreis der vertrauten Mitpartner?

In diesem Artikel räumen wir auf: mit romantischen Vorstellungen, mit Panikgefühlen und vor allem mit der Frage, wie man ganz praktisch ins Tun kommt.


Bin ich der Typ dafür?

Freiheits- oder Bausparer-DNA

Selbstständig zu sein ist nicht dasselbe wie „jetzt arbeite ich halt für mich“. Es heißt: Sie sind ab jetzt allesChef, Sekretär, Buchhalter, Marketingabteilung und Vertrieb in Personalunion.
Klingt nach Stress? Könnte sein. Klingt nach Abenteuer? Auch das. Also: Sind Sie also bereit?

Was es auf alle Fälle nicht ist – eintönig! Auch zur Wahrheit gehört noch die Tatsache, dass Sie sich ganz schnell davon verabschieden sollten, als Anwalt ja „nur noch juristisch zu arbeiten“!

Drei einfache Wahrheiten:

  1. Wenn Sie gerne allein Entscheidungen treffen, statt ständig Rücksprachen zu halten – guter Anfang.
  2. Wenn Sie morgens aufstehen und Ideen haben, wie man etwas besser machen könnte – sehr gut.
  3. Wenn Sie Zahlen nicht nur aus dem Lottozettel kennen, sondern auch mal ein Excel-Sheet befüllen können – Jackpot!

 

Die folgenden Charaktereigenschaften helfen enorm:

  • Eigenverantwortung und Disziplin: Sie müssen sich selbst strukturieren und motivieren können.
  • Risikobereitschaft: Einnahmen schwanken, und Sicherheit gibt es selten.
  • Kommunikationsstärke: Akquise, Netzwerken, Mandantengespräche – Sie sind Gesicht und Stimme Ihrer Kanzlei.
  • Kaufmännisches Grundverständnis: Sie müssen Zahlen verstehen, Entscheidungen treffen und wirtschaftlich denken.

 

Kleine Mutprobe

Beantworten Sie für sich – ehrlich – folgende Fragen:

  • Haben Sie Lust, sich um mehr als nur „juristische Arbeit“ zu kümmern?
  • Sind Sie bereit, für ein paar Monate (oder Jahre) auch mal unter dem Radar zu fliegen – ohne Ruhm und großes Gehalt?
  • Brauchen Sie nicht die „großen Adressen“ auf der Visitenkarte, um Freunde und ehemalige Kommilitonen zu beeindrucken?
  • Macht es Ihnen etwas aus, sich selbst zu vermarkten? Oder finden Sie das sogar spannend?

Wenn Sie jetzt nicht schreiend davongelaufen sind: Weiterlesen!

 

Die Motivationslage analysieren

Warum will ich das eigentlich? Die Wahrheit über die innere Stimme

Die beste Motivation für die eigene Kanzlei ist: Sie wollen wirklich Ihr Ding machen. Sie glauben, dass Sie Menschen besser helfen können, wenn Sie die Regeln selbst bestimmen. Sie wollen mehr Freiheit, aber auch mehr Verantwortung.

Die schlechteste Motivation: „Ich kann meinen Chef nicht mehr sehen.“
Flucht vor schlechten Jobs ist verständlich – aber kein stabiles Fundament für eine Selbstständigkeit.

Kurzer Realitätscheck:

  • Nur weil Sie unzufrieden sind, heißt das nicht, dass Sie gründen sollten.
  • Und nur weil andere gründen, heißt das nicht, dass Sie das auch tun sollten.

Gründen Sie nur, wenn Sie wirklich Lust auf Gestaltung haben und Entscheidungen treffen können. Nicht nur Interesse an Tapetenwechsel.

 

Die ersten Schritte – von der Idee zum Konzept

Der Start in die Selbstständigkeit: Vom Kanzlei-Traum zur Gründungs-Checkliste

Okay – Sie haben sich entschieden. Jetzt geht’s los. Aber womit genau?

 

a) Die Rechtsform-Frage (für den „Solopreneur“ erstmal eher sekundär)

Die meisten starten als Einzelanwalt. Häufig ergeben sich aber im Kanzleikreis oder aus den alten Studienkontakten gute Ideen, und dann gilt es, hier sicher zu sein. Wer zu zweit oder dritt loslegt, kann sich als PartG oder PartG mbB zusammentun (klingt kompliziert, macht aber vieles leichter – vor allem beim Thema Haftung). Auch wenn man die Welt erobern will und nur nach vorne denkt: Wie kann ein Exit aussehen, wie geht man mit der Situation um, wenn die Gründer unterschiedliche Ziele verfolgen oder unterschiedlich erfolgreich sind? Das ist der Sprengstoff, der langfristig wirkt. Sich erst darum kümmern zu wollen, wenn es denn mal so weit ist, funktioniert leider nicht, denn dann vertritt jede Partei nur noch ganz hart ihre eigene Position. Also vorher klären!

 

b) Was wollen Sie eigentlich machen?

Alles für alle anbieten? Bitte nicht. Niemand merkt sich „Allrounder für alles“. Werden Sie spitz, klar, fokussiert: Scheidungsanwalt für Männer, Start-up-Anwalt, Waffenrecht für Jäger – was auch immer. Hauptsache, nicht austauschbar.

Das bedeutet nicht, dass ich nicht mehrere Rechtsgebiete anbieten kann, sondern dass diese nach Möglichkeit immer „greifbar“ sein sollten. So kann es durchaus sinnvoll sein, gleich mehrere Rechtsgebiete abzudecken, diese aber beispielsweise fokussiert für eine Zielgruppe anzubieten, also z. B. Handwerker. Für diese kann dann eine Rundumbetreuung eine sehr spannende Idee sein.

Im zweiten Teil dieses Artikels gehen wir noch ausführlich auf dieses existenzielle Thema ein.

 

c) Businessplan – kein Hexenwerk

Nein, das soll kein Roman werden und es ist auch kein Selbstzweck. Im Businessplan sollten Sie aber einmal klar folgende Punkte beleuchtet, durchdacht und vielleicht auch mal durchkalkuliert haben:

Was kostet Ihr Start?

Was unverzichtbar ist, ist in jedem Falle eine ordentliche Homepage! Umso mehr, wenn Sie beispielsweise erstmal ohne eigenes Büro aktiv sind.

Wie viel brauchen Sie zum Leben?

Wie sind Ihre Basiskosten strukturiert? Krankenkasse, Versorgungswerk sind fixe Größen, welche entsprechend leicht kalkulierbar sind. Denken Sie aber bitte auch daran, dass diese schnell angepasst werden. So wird die Krankenkasse regelmäßig Einkommensnachweise verlangen, um den Beitrag (nach oben) anzupassen, beim Versorgungswerk gilt grds. das Gleiche. Ein ganz wichtiger Punkt ist auch die Steuer! Des Weiteren: Ist ein Büro für Sie anfänglich zwingend nötig oder reicht erst einmal ein heimischer Schreibtisch? Hierbei ist auch der Part der eventuellen Online-Werbung zu berücksichtigen. Erst danach kommen Sie! Haben Sie eine realistische Einschätzung zu Ihrem Ausgabeverhalten. Checken Sie doch mal Ihre privaten Ausgaben über die letzten 18 Monate und ermitteln Sie hierfür den Monatswert. Schlagen Sie mindestens 15 % Sicherheitspuffer drauf, dann haben Sie eine Basis.

Wie viele Mandate brauchen Sie dafür?

Die Kalkulation über Stunden macht dies relativ einfach. Wenn Ihre monatlichen Gesamtausgaben bspw. 3.000 EUR sind und Sie einen Stundensatz von 250 EUR nehmen, wären das 12 bezahlte Stunden pro Monat. Bei durchschnittlich 17,5 (Netto-)Arbeitstagen pro Monat sind das gerade mal 41 bezahlte Minuten pro Arbeitstag! Das ist nun wahrlich nicht viel und gut erreichbar! Wenn Sie jetzt den Stundensatz auf 275 EUR erhöhen würden, wären es übrigens nur noch 37 Minuten … 😉

Woher sollen die Mandate kommen?

Vertrieb ist der heilige Gral der Anwaltschaft! Die Frage nach „Warum überhaupt?!“ stellt sich für Sie als Starter nicht, deshalb geht’s nur um’ s Wie. Hier sollten Sie ein Universum von Themen bedienen. Wir werden darauf noch genauer in Teil 2 eingehen. Nur so viel: Nutzen Sie viele Kanäle. Social Media, Blogs, Multiplikatoren, Netzwerktreffen etc. Bauen Sie nicht darauf, dass Ihr Freundes- oder Familienkreis Sie anfänglich tragen wird. Diese sind meist nicht unbedingt bereit, für die Dienstleistung (ausreichend) zu zahlen.

Wenn Sie sich das alles schriftlich für sich festhalten, sind Sie einer Gründung schon näher als 80 % der Träumer – und manchmal muss es eben auch mal schwarz auf weiß festgehalten werden.

 

Was brauchen Sie wirklich?

Manche denken: „Erstmal schöne Räume, Designerstuhl, goldene Kanzleischilder.“
Blödsinn. Sie brauchen ein paar wenige Dinge:

Ordnung im Kopf

Was Sie anbieten, für wen – und wie man Geld damit verdient. Das Thema Positionierung (kommt in Teil 2).

Ordnung im Außen

  • Anmeldung bei der Kammer ✅
  • Steuernummer beantragen ✅
  • Haftpflichtversicherung abschließen ✅
  • Visitenkarte? Nur wenn’s gut aussieht. Website? Ja. Logo? Muss nicht fancy sein, aber sauber.
  • Werbung: BRAO und BORA stellen den Rahmen dessen, was erlaubt ist. Das Spannende daran ist, dass viele Berufsträger übervorsichtig sind und allzu „nüchtern“ über die abgedeckten Rechtsgebiete auf der Webseite informieren. Hier geht meist deutlich mehr – auch hierzu werden wir in Teil 2 eingehen.

Technik, die läuft

  • Laptop, Scanner, Kanzleisoftware (es gibt auch günstige Cloudlösungen)
  • E-Mail mit beA
  • Ein Telefon, das Sie auch mal ausstellen können

Das Zentrum der Macht

Homeoffice, Co-Working oder eigene Räume? Meist haben Mandanten kein Problem damit, ausschließlich Online-Gespräche zu führen. Ja, teilweise reicht sogar nur das Telefon. Auch gibt es für die anderen Fälle Lösungen, die eine professionelle Adresse mit zu buchbaren Räumlichkeiten anbieten. Ganz nach Bedarf eben. Viel wichtiger ist: Mandantengespräche professionell ermöglichen – persönlich oder online. Schaffen Sie eine professionelle Atmosphäre. Ein eigenes Büro ist dafür nicht zwingend nötig.

Fun Fact: Viele erfolgreiche Einzelanwälte haben im Homeoffice mit WLAN, Laptop und gutem Kaffee begonnen. Um sich selbst zu erden, googlen Sie doch einfach mal Jeff Bezos‘ erstes Büro …

 

Fehler vermeiden – was oft unterschätzt wird

Kanzleigründungen scheitern eigentlich nie an etwa mangelnder Qualifikation, sondern an unterschätzten Hürden. Hier sind einige Fehler, welche Sie vermeiden sollten:

Zu wenig Positionierung

Wenn Sie „auch Arbeitsrecht machen, aber nur manchmal“, merkt sich das niemand. Sagen Sie klar, was Sie sind. Und was nicht. Wie gesagt, Positionierung kann sich sowohl auf Rechtsgebiete als auch auf Zielgruppen beziehen. Somit haben Sie sowohl alles für wenige als auch weniges für alle anbieten. Es sollte eben nur nicht alles für alle sein…

Null Marketing

Ohne Sichtbarkeit keine Mandanten. Punkt. Sie müssen ja kein TikTok-Anwalt sein – aber wenigstens Google sollte wissen, dass Sie existieren. Nutzen Sie ebenfalls LinkedIn oder vergleichbare Portale. Über die (erlaubte) Form der Kommunikation erfahren Sie in Teil 2 mehr.

Finanzielle Naivität

Kein Plan, keine Rücklagen, kein Überblick = schneller Herzinfarkt. Erstellen Sie sich eine einfache Excel-Tabelle. Und haben Sie immer genug Liquidität für 3 Monate auf dem Konto.

Kein Plan für Akquise

Mandanten kommen nicht von allein. Haben Sie konkrete Maßnahmen parat: Empfehlungen, Online-Präsenz, Vorträge, Netzwerke.

Fazit: Wer sich frühzeitig mit den unternehmerischen Aspekten beschäftigt, erspart sich viele teure Lektionen.

Alles allein machen

Nur weil Sie selbstständig sind, müssen Sie nicht einsam sein. Netzwerken Sie, holen Sie sich einen Mentor, sprechen Sie mit Kollegen. Die meisten helfen gern.

 

Fazit: Der Sprung ins kalte Wasser – mit Plan wird’s warm

Kanzleigründung ist kein Spaziergang – eher ein Triathlon. Aber eben einer, bei dem Sie die Strecke selbst aussuchen. Wenn Sie bei dem Gedanken, Ihr eigenes Ding zu machen, nicht Panik, sondern Neugier spüren, dann sollten Sie wirklich mal in diese Richtung denken.
Sie müssen nicht perfekt vorbereitet sein. Aber Sie sollten es ernst meinen. Und ja – Sie dürfen auch Fehler machen – das wird sich auch gar nicht verhindern lassen. Das braucht Sie nicht zu schrecken, das ist normal. Hauptsache, Sie lernen schnell daraus.

Für jeden der jeweiligen Punkte gibt es am Markt auch käufliche Unterstützung. Wichtig ist aber, dass das, was Sie ausmacht, nicht durch Dritte gelöst wird. Es gibt Themen, die sind Chefsache, hier müssen Sie von Anfang an dabei sein.

Am Ende zählt nicht, ob Sie sofort den großen Durchbruch haben. Sondern ob Sie bereit sind, Ihr berufliches Leben selbst zu gestalten – mit allen Höhen, Tiefen und Freiheiten.

Und dran denken: Jede große Kanzlei hat mal klein angefangen – und das wird Ihr Ding!

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