Beitrag

© Christian Horz | Adobe Stock

Was Juristen vom kreativen Schreiben lernen können

Juristendeutsch ist in etwa so lebendig wie der Montagmorgen im Grundbuchamt, hieß es einmal auf LinkedIn. Nicht ganz zu Unrecht. Juristische Texte sind zwar gut strukturiert und argumentativ stark, aber oft erstaunlich farblos.

Grund dafür ist selten die juristische Sprache selbst, sondern die eingespielten Muster, die sich in Kanzleien über Jahre festgesetzt haben: stets gleiche Formulierungen, Routine, Zeitdruck und die stille Annahme, sprachlich ohnehin souverän zu sein. Wer seine Texte nie mit etwas Abstand kritisch betrachtet, gerät in eine sprachliche Komfortzone: Man schreibt, wie man immer geschrieben hat.

Zeit also, der Sprache etwas frische Luft zu gönnen. Schriftsätze, Artikel und E-Mails lassen sich mit wenigen Techniken deutlich lebendiger formulieren. Besonders wirkungsvoll sind dabei die Methoden des kreativen Schreibens.

 

Was heißt „kreatives Schreiben“ im Kanzleikontext?

Kreatives Schreiben heißt nicht, die juristische Sprache aufzugeben, sondern einen Text so zu formulieren, dass er nicht bloß informiert, sondern auch wirkt und überzeugt.

Es beginnt damit, dass Sie sich erlauben, aus der grauen Masse standardisierter Formulierungen herauszutreten. Nicht durch reißerische Sprache, sondern durch Klarheit und Bilder, die im Gedächtnis bleiben. In Schriftsätzen bedeutet das nicht Regelbruch, sondern bewusstes Schreiben und solides Handwerk: kürzere Sätze, aktive Formulierungen und ein Stil, der auch mal Ecken und Kanten zeigt. Nicht im Sinne von Flapsigkeit, sondern durch pointierte Formulierung. Das hat eine Wirkung, die 08/15-Textbausteine vermissen lassen.

 

Drei einfache Übungen für Anwälte

Drei kurze, direkt umsetzbare Übungen zeigen Ihnen, wie sich kreative Techniken im juristischen Alltag nutzen lassen: das Mindmapping, die bildhafte Sprache und der Perspektivwechsel.

 

Mindmapping

Mindmapping hilft beim Sortieren und Strukturieren der Gedanken. Notieren Sie das zentrale rechtliche Problem in der Mitte eines A4-Blatts (z. B. „Vertragsbruch des Mieters“). Sammeln und verknüpfen Sie drumherum relevante Fakten, Fristen, Risiken, Argumente, denkbare Einwendungen und mögliche Lösungswege. Mit dieser Mindmap machen Sie die Komplexität sichtbar. Der erste Entwurf Ihres Schriftsatzes wird deutlich klarer und fokussierter.

 

Bildhafte Sprache

In Schriftsätzen wirkt die Sachverhaltsschilderung lebendiger, wenn Sie statt abstrakter Gefühlsbeschreibungen konkrete Bilder schaffen. Statt „Er war äußerst verunsichert wirkt etwa „Er sprach mit zitternder Stimme viel eindrücklicher. Das Gegenüber bekommt damit nicht bloß eine abstrakte Schilderung, sondern kann durch die explizite Beschreibung bestenfalls mitfühlen.

Probieren Sie es. Umschreiben Sie folgende drei Begriffe jeweils bildhaft:

  • Er war angetrunken.
  • Sie war enttäuscht.
  • Er war erleichtert.

Was sehen Sie vor Ihrem inneren Auge? Wie verhält sich jemand, der angetrunken, enttäuscht oder erleichtert ist?

Vergleichen Sie auch einmal einen klassischen juristischen Satz mit einer lebendigeren, bildhafter formulierten Variante. Merken Sie den Unterschied?

Wichtig: Achten Sie darauf, die Bildhaftigkeit nicht mit Wertungen zu vermischen. Beschreiben Sie beobachtbare Details wie Stimme, Haltung oder Verhalten, aber vermeiden Sie Formulierungen, die dem Gegenüber eine emotionale Färbung zuschreiben. Das schützt vor unbeabsichtigtem Framing und bewahrt die Neutralität Ihrer Schilderung.

 

Perspektivwechsel

Versetzen Sie sich bewusst in die Perspektive des Gerichts oder der Gegenseite. Schreiben Sie einen kurzen Abschnitt zunächst aus Ihrer Sicht, anschließend aus der Sicht des Gerichts oder der Gegenseite. Vergleichen Sie beide Fassungen. Die Abweichungen zeigen oft erstaunlich klar, wo blinde Flecken sitzen und wie Ihre Argumentation geschärft werden kann.

 

Tipps für den Kanzleialltag 

Wenn Sie Ihre Texte bewusster formulieren, stärken Sie ihre Wirkung. Sie sind klarer, strukturierter und überzeugender.

Beachten Sie dafür täglich aufs Neue:

  • Mut zur Kürze: Straffen heißt nicht streichen, sondern schärfen. So kommen Sie schneller zum Punkt und die Leser bleiben am Ball.
  • Balance halten: Stilistische Feinheit ist kein Ersatz für Substanz, sondern ihr Verstärker. Eine solide juristische Argumentation bleibt unverzichtbar.
  • Regelmäßig üben: Üben Sie diese Techniken regelmäßig. So wird Stilentwicklung zur Routine.
  • Feedback einholen: Lassen Sie ab und zu einen Kollegen Ihre Texte lesen und sprechen Sie danach gemeinsam über seine Eindrücke. Ein zweiter Blick schadet nie.

 

Wer diese Prinzipien in den Schreiballtag integriert, gewinnt stilistisch, ohne an Seriosität einzubüßen. Versuchen Sie es gleich heute!

Diesen Beitrag teilen

Facebook
Twitter
WhatsApp
LinkedIn
E-Mail

Unser KI-Spezial

Erfahren Sie hier mehr über Künstliche Intelligenz – u.a. moderne Chatbots und KI-basierte…