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Sind Juristen zu ernst? – Über Konformismus im Berufsleben

Juristen sind nicht gerade als bunte Hunde bekannt. Im Gegenteil. Begriffe, die Nichtjuristen mit der Berufsgruppe verbinden, sind etwa „konservativ, ernsthaft, seriös, arrogant, langweilig“ und nicht so sehr „offen, entspannt, kreativ, humorvoll“. Ist das Bild der breiten Öffentlichkeit verzerrt oder sind wir Juristen tatsächlich zu ernst?

Einerseits ist es verständlich, dass insbesondere Anwälte und Anwältinnen ein ernster Hauch umweht, denn – ob Kündigungsschutzklage, Scheidung, Mieterhöhung oder der ganze Bereich des Strafrechts – gerade Privatleute suchen Rechtsrat hauptsächlich, wenn unangenehme Dinge zu regeln sind oder das Kind bereits in den Brunnen gefallen ist. Es geht oft um ernste Themen, teils sehr Persönliches und meist auch viel Geld. Insofern ist Ernsthaftigkeit in vielen Situationen durchaus angebracht.

Doch auch Ärztinnen oder Feuerwehrmänner haben permanent mit schwierigen Situationen zu tun, gelten aber mitnichten als konservativ oder übertrieben ernsthaft. Was verschafft uns Juristen also diesen fragwürdigen Ruf?


DAS JURASTUDIUM: STRUKTUR, BENIMM UND DRESSCODES

Deutschen Führungskräften wird ein Hang zu Konformismus und Uniformität nachgesagt. Sie seien zu sicherheitsorientiert und austauschbar. Und Juristen? Alles übertrieben ernste, risikoaverse Bedenkenträger? Langweilig, weil regeltreu?

Eines ist klar: Die juristische Ausbildung schürt schon früh einen gewissen Konformismus. Wenn man Normen anwenden, Subsumieren, Formalia einhalten und Strukturen verinnerlichen muss, bleibt wenig Raum für kreative Ausbrüche. Zudem ist das Klima unter den Studierenden nicht gerade das herzlichste auf dem Campus. Man gibt sich leistungsorientiert. Konkurrenz, Notendruck und Fixierung auf ein schnelles Studium sind weit verbreitet. Entsprechend ist die Stimmungslage im Juridicum: ernst, sehr ernst. Die angehenden Juristen adaptieren zudem bereits früh einen gewissen Habitus. Und wer kennt sie nicht, die Dresscodes in der juristischen Bibliothek? Am Ende von Studium und Referendariat rennen dann Alle zum heilsbringenden Repetitor. Wer es wagt, sich auf eigene Faust in die Examensvorbereitung zu stürzen, wird misstrauisch beäugt.

Kurzum: Individualisten haben es im juristischen Umfeld nicht leicht. Und so teilt sich die Menge nach dem zweiten Examen. Die Einen streben nach sicherer Festanstellung und monatlichem Gehaltsscheck, die Anderen können es nicht abwarten, das Kanzleischild rauszuhängen und selbstbestimmt in die Selbstständigkeit zu starten.


ANGESTELLTE: BIST DU SO ERNST ODER TUST DU NUR SO?

Wer sich in ein Anstellungsverhältnis begibt, ist bereits vom Verfassen der Bewerbung an gezwungen, sich anzupassen. Doch damit hört es nicht auf. Nachdem man auch im Vorstellungsgespräch eine gute Figur abgab, das Bewerbungsverfahren durchgestanden hat und in einem Unternehmen oder einer Kanzlei neu anfängt, beginnt die Orientierungsphase. Sie erfordert den Willen und die Fähigkeit, sich weiterhin kontinuierlich anzupassen. Es bedarf auch eines gewissen Fingerspitzengefühls und Empathie, um die – teils ungeschriebenen – Regeln und Konventionen zu verinnerlichen: Wer kann mit wem? Welche individuellen Befindlichkeiten und Gepflogenheiten sollte man kennen? Bloß in keinen Fettnapf treten, nicht als Erster Feierabend machen und überhaupt: nicht aus der Reihe tanzen und nicht negativ auffallen. Als Belohnung locken Anerkennung, Geld und Aufstiegsmöglichkeiten.


ÜBERZEUGUNG ODER SCHIZOPHRENIE?

Wer einem Unternehmen oder einer Kanzlei dann jahrelang treu bleibt und „Karriere macht“, wird die Ansichten und Werte seines beruflichen Umfelds im Wesentlichen teilen. Die Notwendigkeit, sich in einem Anstellungsverhältnis anzupassen, führt dabei selbst nach anfänglichem Zögern oftmals sukzessive zu einer inneren Zustimmung und schließlich zu überzeugtem Handeln.

Problematisch wird es für Skeptiker, die die Meinungen und Werte ihres beruflichen Umfelds nicht teilen, sich aber fügen und ihr Verhalten den Erwartungen entsprechend anpassen. Sie fühlen sich unwohl, geben aber nach, weil sie beispielsweise den Job nicht verlieren möchten oder einfach Geld und Anerkennung höher bewerten als innere Überzeugung. Es ist schlichtweg bequemer und finanziell attraktiver mit dem Strom zu schwimmen als mit von der Masse divergierenden Ansichten anzuecken. Viele sind sich ihres Konformismus gar nicht bewusst, weil sie die damit verbundenen Verhaltensweisen schon derart verinnerlicht haben.


DIE ERNSTHAFTIGKEIT DES JURISTEN ALS DÉFORMATION PROFESSIONELLE

Wem das Alles zu schizophren erscheint, der macht sich selbstständig. Es ist befreiend, sich nicht dem Gutdünken von Chefs oder Kollegen aussetzen zu müssen. Selbstständige Anwälte haben dadurch zwar viel seltener die Notwendigkeit, sich anzupassen, doch sie gelten gemeinhin trotzdem als ernst. Diese Ernsthaftigkeit ist aber offenbar weniger den Umständen des Falles oder des beruflichen Umfelds geschuldet, sondern schlichtweg berufstypisch, eine sog. déformation professionelle. Dies insbesondere dann, wenn sie sich – unter dem Mikroskop betrachtet – oftmals vielmehr als sachliche, sehr faktenorientierte Art der Kommunikation entpuppt.

Sind Juristen zu ernst? Diese Frage ließe sich also trefflich mit einem klassisch-juristischen „Es kommt darauf an“ beantworten. Fachbezogene Ernsthaftigkeit ist – ähnlich wie etwa ein gerüttelt Maß an Pedanterie – eine Notwendigkeit juristischen Arbeitens. Wer diese emotionslose, analytische Art jedoch auch jenseits von Kanzlei und Gerichtssaal nicht abzulegen weiß, wird möglicherweise als etwas zu ernst wahrgenommen.

In diesem Sinne: Menscheln Sie mal wieder!

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