Schriftsätze gehören selbstverständlich zum Kanzleialltag. Generative KI wird dort hingegen noch häufig als Fremdkörper wahrgenommen. Dabei kann sie auch in diesem Bereich sinnvoll eingesetzt werden: Sie kann den eigenen Entwurf kritisch gegenlesen, blinde Flecken sichtbar machen und Argumentationslücken aufdecken. Aber KI kann Fehler machen, sie kann halluzinieren, werden Sie nun vielleicht einwenden. Dieser Einwand ist berechtigt. Man könnte also pointiert fragen: Warum dennoch diese Risiken eingehen und mit generativer KI arbeiten, wenn doch alles überprüft werden muss, weil juristisch denken, subsumieren, auslegen und bewerten nur der Mensch verlässlich kann? Die entscheidende Frage ist aber, was daraus folgt.
Wenn Juristinnen und Juristen die Erwartung haben, dass generative KI ihnen das juristische Denken abnimmt und eine fertige und zugleich perfekte Antwort liefert, werden sie mitunter enttäuscht sein und den Einwand zu Recht erheben, dass die KI dies nicht erfüllen kann. Stattdessen plädiere ich dafür, generative KI als „Denkpartner“ für das eigene Arbeiten einzusetzen: Da ist nichts nachzuprüfen – weil die KI nie behauptet hat, recht zu haben.
KI als Denkpartner – nicht als Subsumtionsautomat
Es geht also nicht darum, sich eine fertige Lösung, einen Schriftsatz, ein Gutachten oder ein Schreiben ungeprüft erstellen zu lassen. Es geht darum, KI in den eigenen Arbeitsprozess einzubinden, indem sie als Denkpartner mit dem Juristen interagiert und ihn dabei unterstützt, am Ende ein besseres Ergebnis zu erreichen.
Für den anwaltlichen Arbeitsprozess lassen sich verschiedene KI-Einsatzformen unterscheiden. Für den Schriftsatz-Stresstest ist vor allem die letzte relevant: KI denkt mit.
Die KI recherchiert für mich:
Die meisten Juristen versprechen sich davon in der Regel den höchsten Effizienzgewinn. Zugleich ist hier aber auch die Verifikationslast am höchsten, ich muss zwingend alles nachprüfen.
Die KI ergänzt mein Ergebnis:
Hier geht es in der Regel um eine Verbesserung eines bereits von mir erarbeiteten Ergebnisses. Möglicherweise zeigt mir die KI Aspekte auf, die ich selbst nicht gesehen habe oder für nicht relevant gehalten habe. Ich kann dies auch für Standardfälle über Checklisten und Playbooks absichern, welche die KI abarbeitet. Die Ergebnisse muss ich natürlich auch immer noch überprüfen, erhalte aber am Ende vielleicht ein insgesamt besseres und vollständigeres Ergebnis.
Die KI strukturiert mein Material:
In diesem Fall hat der Jurist das juristische Ergebnis bereits erarbeitet. Die KI bringt dieses nun in eine Form, ordnet es chronologisch oder übersetzt es in eine adressatengerechte Mandantenansprache. Hier muss eher nachgeprüft werden, ob die KI nicht das juristische Ergebnis verändert hat.
Die KI denkt mit mir:
Die KI gibt Impulse, hinterfragt oder kommentiert, identifiziert mögliche Angriffsflächen oder Gegenargumente, ermittelt Argumentationslücken. KI zeigt Alternativen auf, der Anwalt entscheidet, welche er verfolgt. Das ist keine Delegation von Verantwortung – das ist ein Brainstorming-Partner, der nie müde wird und keine Betriebsblindheit hat. Vergleichbar mit einem Kollegen, den man fragt: „Habe ich was übersehen?“ Diese Ausgaben unterstützen das Denken des Juristen, der selbst – wie immer – weiter für seine Ergebnisse verantwortlich bleibt.
Wenden wir dies auf das Thema des heutigen Artikels an: den Stresstest für den eigenen Schriftsatz. Daraus ergeben sich verschiedene Möglichkeiten, wie ein selbst erstellter Schriftsatz von der KI einem solchen „Stresstest“ unterzogen werden könnte.
Bevor jedoch der eigene Schriftsatz einer KI überantwortet wird, ist zu prüfen, ob dies unter Wahrung von Vertraulichkeit, Datenschutz und Geheimnisschutz zulässig ist. Nur wenn das der Fall ist, weil entweder ein vollständig anonymisierter Auszug verwendet oder eine geeignete Lizenz oder geschützte KI-Umgebung mit ausreichendem Schutz vorhanden ist, darf dies erfolgen. Bedenken Sie auch, dass bei Schriftsätzen der Gegenseite urheberrechtliche Fragen eine Rolle spielen können; eine Nutzung in KI-Systemen sollte deshalb vorab geprüft werden. Gerichtsentscheidungen inkl. amtlicher Leitsätze sind nach § 5 UrhG urheberrechtsfrei und können daher verwendet werden.
Prompt-Baukasten: Stresstest für den eigenen Schriftsatz
Nun aber zu den Ideen für einen Stresstest, die weder den Anspruch auf Vollständigkeit erheben noch sicherstellen können, dass alle Fehler, Schwächen oder Lücken eines Schriftsatzes gefunden werden. Sie können aber helfen, das eigene Denken zu schärfen und den Schriftsatz gezielt zu verbessern. Die folgenden Vorschläge sind nicht als ein einziger Gesamtprompt gedacht, sondern als Baukasten, aus dem je nach Verfahren, Rechtsgebiet und Ziel des Schriftsatzes einzelne Prüfaufträge ausgewählt werden können.
Zunächst einmal sollte die generative KI in das Verfahren eingeführt werden. Dafür eignet sich folgender Prompt:
| Du bist ein erfahrener juristischer Analytiker. Deine Aufgabe ist ein strukturierter Stresstest eines Schriftsatzentwurfs. Du arbeitest nicht als Korrektor, sondern als Denkpartner: Du produzierst keine fertigen Formulierungen, sondern Befunde und Entscheidungsgrundlagen für den Anwalt.
Stresstest-Konfiguration Bevor du den folgenden Schriftsatz analysierst, lies zunächst diese Kontextinformationen sorgfältig. Sie kalibrieren alle nachfolgenden Analysen. VERFAHRENSKONTEXT Verfahrensart: Instanz: Verfahrensstadium: Gegner: VERFAHRENSZIEL Primärziel: Sekundärziel: Rote Linie: BISHERIGER VERFAHRENSSTAND [Kurze Zusammenfassung: Was wurde bisher vorgetragen? Was hat die Gegenseite erwidert? Gibt es Hinweise des Gerichts?] |
An dieser Stelle können und sollten auch eigene bisherige Schriftsätze aus dem Verfahren für den größten Nutzen durch den Stresstest zur Verfügung gestellt, also in den Chat hochgeladen oder in den Chat kopiert werden.
Für den Stresstest kann man nun in den weiteren Anweisungen die generative KI verschiedene Perspektiven auf den Schriftsatz einnehmen und daraus abgeleitete Fragen zu dem Schriftsatzentwurf beantworten lassen.
Besonders hilfreich ist es, die KI gezielt in unterschiedliche Rollen zu versetzen (Role-/Persona-Prompting): etwa in die Perspektive des Gerichts oder der Gegenseite. So lässt sich prüfen, wie der Schriftsatz aus dem jeweiligen Empfängerhorizont wirkt.
Neben Gericht und Gegenseite können weitere Prüfaufträge die Struktur, den Tatsachenvortrag, die Beweisangebote, die Strategie und das bisherige Verfahren betreffen. Hier wird die KI zum analytischen Denkpartner bezogen auf den Kontext und die juristische Argumentation, die durch den Schriftsatz zur Verfügung gestellt werden (Context Engineering). Hier befinden wir uns also in dem Bereich, wo die KI das durch den Juristen zur Verfügung gestellte Material strukturiert, analysiert und Möglichkeiten zur Verbesserung aufzeigt, also „mitdenkt“. Dabei nutzen wir die semantischen Fähigkeiten und die Möglichkeit, große Mengen Text zu verarbeiten. Die KI erfasst die Struktur und verliert auch bei längeren Schriftsätzen nicht den Überblick. Natürlich gibt es Grenzen bei der Größe der Kontextfenster, aber die werden kontinuierlich erweitert und sollten daher in der Regel mittlerweile ausreichen.
Nachdem die KI aus dem zur Verfügung gestellten Material den Sachvortrag und die Beweisangebote, die Argumentationsstruktur und die rechtlichen Argumente gelernt hat (In-Context Learning), kann sie nun damit arbeiten, Lücken und Widersprüche aufdecken, Hinweise dazu geben und Verbesserungen vorschlagen.
Nachstehend folgen die Prompts für die jeweiligen Analysen. Idealerweise werden diese wie gesagt jeweils einzeln, aber durchaus in demselben Gespräch (Chat) verwendet, so dass kein Kontext, insbesondere aus der Einführung in das Verfahren, verloren geht. Umgekehrt kann es manchmal auch erforderlich werden, einen neuen Chat zu öffnen, wenn die KI plötzlich Dinge vergisst, das zur Verfügung stehende Kontextfenster erschöpft ist. Dann sollte man nicht vergessen, die Einführung in das Verfahren zu wiederholen, da dieses Wissen in dem neuen Chat nicht mehr zur Verfügung steht. Dies kann auch erforderlich werden, wenn eine vorangegangene Analyse die aktuelle Aufgabe negativ beeinflusst, weil sich die KI zum Beispiel zu sehr an diesen Ergebnissen der ersten Analyse orientiert und dies nicht gewünscht ist.
Die Perspektive des Richters
| Lies den Schriftsatz aus der Perspektive eines erfahrenen Richters in dem Rechtsgebiet [Rechtsgebiet].
Orientierungsfreundlichkeit Lies den folgenden Schriftsatz aus der Perspektive eines Richters mit begrenztem Zeitbudget. Prüfe: Findet ein eiliger Richter das Entscheidende schnell – oder muss er es sich erarbeiten? Bewerte: – Ist das Kernbegehren sofort erkennbar? – Sind die stärksten Argumente auffindbar ohne vollständige Lektüre? – Helfen Struktur, Überschriften und Absätze der Orientierung? – Was müsste wo stehen, damit es besser wirkt? Erwartungslücken-Scan Subsumtionslücken-Detektor Tatsache-vs.-Wertung-Trennung Analysiere den folgenden Schriftsatz auf Vermischungen von Tatsachenbehauptungen und rechtlichen Wertungen. Markiere jede Textstelle, an der eine Wertung als Tatsache präsentiert wird oder umgekehrt. |
Die Perspektive der Gegenseite
| Du vertrittst die Gegenseite.
Stärkstes Gegenargument zuerst Lies den Schriftsatz und formuliere das eine Argument, das ihn am stärksten gefährdet und begründe, warum genau dieses Argument das gefährlichste ist. Beweislast-Check Identifiziere Tatsachenbehauptungen, bei denen die Beweislast beim Mandanten des Schriftsatzerstellers liegt und prüfe, ob der Schriftsatz dies adressiert und dies ein Angriffspunkt für die Gegenseite sein könnte. Gegenstrategie antizipieren Du bereitest die Gegenstrategie vor. Welche Normen, Rechtsprechungslinien oder rechtlichen Einwände fehlen im folgenden Schriftsatz und könnten von der Gegenseite strategisch ins Feld geführt werden? Taktische Gegenreaktionen Du denkst wie ein erfahrener Gegenanwalt. Prüfe, welche prozessualen und taktischen Reaktionen dieser Schriftsatz wahrscheinlich auslöst. |
Die Perspektive der Schriftsatzstruktur
| Du setzt Dich kritisch mit der Struktur dieses Schriftsatzes auseinander.
Prämissen-Audit Identifiziere im folgenden Schriftsatz alle impliziten Annahmen — also Prämissen, die die Argumentation trägt, ohne dass sie explizit begründet oder belegt werden. Argumentationsabhängigkeiten Analysiere die logischen Abhängigkeiten zwischen den Argumenten des folgenden Schriftsatzes. Identifiziere: – Welche Argumente setzen andere voraus? – Welche Argumente fallen mit, wenn ein anderes scheitert? – Gibt es argumentative Einzelpunkte ohne Absicherung durch unabhängige Alternativen? Redundanz-Karte Analysiere den folgenden Schriftsatz auf Redundanzen. Identifiziere Argumente oder Ausführungen, die mehrfach erscheinen, ohne dass die Wiederholung einen zusätzlichen Erkenntnisgewinn bringt. Gewichtungsanalyse Bewerte die Argumentationsarchitektur des folgenden Schriftsatzes. Frage: Steht das stärkste Argument an der stärksten Stelle – und ist die Gewichtung der Argumente ihrer rechtlichen Tragfähigkeit angemessen? |
Die Perspektive der Tatsachen
| Behauptung-ohne-Beleg-Marker
Markiere im folgenden Schriftsatz alle Tatsachenbehauptungen, denen kein Beweisangebot zugeordnet ist. Unterscheide dabei: – Behauptung ohne jedes Beweisangebot – Behauptung mit unvollständigem Beweisangebot Innere Chronologie-Konsistenz Extrahiere aus dem folgenden Schriftsatz alle Zeitangaben und zeitlich verorteten Ereignisse. Prüfe: – Ist die Abfolge in sich widerspruchsfrei? – Gibt es Lücken in der Zeitachse, die erklärungsbedürftig wären? – Gibt es Widersprüche zwischen verschiedenen Textstellen? Lücken im Lebenssachverhalt Prüfe den folgenden Schriftsatz auf Lücken im dargestellten Lebenssachverhalt. Frage: Welche Tatsachen würden für eine vollständige Subsumtion, wie sie in den rechtlichen Ausführungen vorgetragen wird, benötigt – fehlen aber in der Sachverhaltsdarstellung? Beweiseignung Prüfe die angebotenen Beweismittel im folgenden Schriftsatz auf ihre Eignung für das jeweilige Beweisziel. |
Die Perspektive der Strategie
| Eskalationspfad-Check
Analysiere den folgenden Schriftsatz im Hinblick auf Hilfsargumentation und Eskalationspfade. Frage: Was passiert, wenn das Hauptargument scheitert? Prüfe: – Ist eine Hilfsargumentation vorhanden? – Ist sie strukturell vorbereitet oder nur angedeutet? – Welche Argumente fehlen für den Fall des Scheiterns? Formuliere eine konkrete Empfehlung für einen robusten Eskalationspfad. Pyrrhus-Risiko Prüfe den folgenden Schriftsatz auf Argumente, die zwar rechtlich erfolgversprechend sind, aber strategisch problematisch sein könnten. Frage: Gibt es Positionen, bei denen ein Obsiegen den Mandanten mittel- oder langfristig schlechter stellen würde? Signalwirkung nach außen Analysiere den folgenden Schriftsatz im Hinblick auf seine Signalwirkung gegenüber der Gegenseite. Frage: Welche Botschaft sendet dieser Schriftsatz jenseits seiner rechtlichen Argumentation? Vergleichsoffenheit Analysiere den folgenden Schriftsatz im Hinblick auf seine Wirkung auf außergerichtliche Einigungsmöglichkeiten. Prüfe: – Lässt der Schriftsatz der Gegenseite ein gesichtswahrendes Einlenken? – Werden Positionen so absolut formuliert, dass ein Vergleich als Niederlage wirkt? – Gibt es Formulierungen, die Brücken unnötig abbrechen? – Ist das Vergleichsziel aus dem Kalibrierungs-Snippet noch erreichbar? |
Die Perspektive der Sprache
| Konfrontationsgrad-Messung
Bewerte den Ton des folgenden Schriftsatzes auf einer Skala von kooperativ bis eskalierend. Identifiziere konkrete Formulierungen, die den Ton prägen – positiv wie negativ. Klarheitsindex für Nicht-Juristen Lies den folgenden Schriftsatz aus der Perspektive eines informierten, aber juristisch nicht ausgebildeten Mandanten. |
Die Perspektive des Verfahrens
| Konsistenz mit Vorschriftsätzen
Du kennst den bisherigen Verfahrensstand aus dem Kalibrierungs-Snippet. Prüfe den folgenden Schriftsatz auf Konsistenz mit dem bisherigen Vortrag. Identifiziere: – Positionen, die früher anders dargestellt wurden – Implizite Revisionen ohne Thematisierung – Widersprüche, die die Gegenseite aufgreifen könnte Prozessuale Nebenwirkungen Analysiere den folgenden Schriftsatz auf unbeabsichtigte prozessuale Konsequenzen. Prüfe insbesondere: – Geständnisfiktion durch unvollständiges Bestreiten – Präklusionsrisiken bei verspätetem Vortrag – Beweislastverschiebungen durch eigene Formulierungen – Unbeabsichtigte Anspruchserweiterungen oder -beschränkungen |
Nun sind Sie an der Reihe. Glauben Sie, dass die Ergebnisse, welche die generative KI auf diese Fragen liefert, Ihren Schriftsatz verbessern können? Haben Sie andere oder ergänzende Ideen für den Stresstest?
Profi-Tipp aus der KI-Praxis:
Für wiederkehrende Fallkonstellationen lohnt es sich, eigene Stresstest-Checklisten zu entwickeln. Darin können Prüfungsschemata, typische Angriffspunkte, Argumentationsbausteine und Formulierungen hinterlegt werden. So wird der KI-Einsatz nicht beliebig, sondern Teil eines kontrollierten Qualitätsprozesses – besonders in spezialisierten juristischen KI-Anwendungen, die fortgeschrittenes Prompting ermöglichen.
| Neue Beitragsreihe: KI-Praxis
Generative KI eröffnet auch für die anwaltliche Praxis vielfältige Möglichkeiten. Gleichzeitig gilt: KI-Ergebnisse müssen kritisch geprüft werden, denn juristische Analyse, Subsumtion, Auslegung und Bewertung bleiben Aufgaben, die verlässlich menschliche Expertise erfordern. Warum also dennoch mit generativer KI arbeiten? Genau dieser Frage widmet sich unsere neue Reihe „KI-Praxis“. Autor Carsten Patzal zeigt anhand konkreter Anwendungsfälle, wie Sie KI-Tools trotz bestehender Herausforderungen und Risiken sinnvoll in juristische Arbeitsprozesse integriert werden können. Ab sofort – im Anwaltspraxis Magazin! |










