Beitrag

© Krakenimages.com | Adobe Stock

Goldene Jahre, graue Zonen – Seniorenrecht als boomendes Juristenfeld

So wird die Generation 65 plus gern medial vermittelt: reisefreudig, lebenslustig, digital interessiert – und der Geldbeutel ist auch gut gefüllt. Doch die „Altersmedaille“ hat eine Kehrseite: Altersarmut, Pflegebedürftigkeit und Einsamkeit betreffen viele. Der juristische Beratungsbedarf verschiebt sich, es geht um mehr als allein Rente und Testament. Viele neue Themenfäden fließen auf dem Anwaltsschreibtisch zusammen und bilden den Juristencocktail Seniorenrecht, der aus verschiedensten Rechtsgebieten gemixt ist. Der Anwalt kann dann versierter Lotse sein. Womit er an den vielen Schnittstellen rechnen muss, wie er sich auf dem Rechtsmarkt klug positioniert und warum auch die Corona-Pandemie dabei hineinspielt, greift dieser Beitrag auf.

 

Es geht aufwärts: Immer älter, aber auch mit anderen Problemen. Seniorenrecht ist breit aufgefächert. Hoher Arbeitsaufwand kann versteckt sein

Die Demografie bringt gute Nachrichten und spendiert fleißig Lebensjahre: Mittlerweile erreichen Frauen eine durchschnittliche Lebenserwartung von 83,5 Jahren, knapp fünf Jahre dahinter liegen die Männer mit rund 79 Jahren. Prävention, gesündere Lebensstile und eine stets verbesserte medizinische Versorgung haben ihren Anteil daran.

Nehmen die älteren Herrschaften Platz vor dem Anwaltsschreibtisch, kann es aber schnell richtig verschachtelt werden. Johannes Fiala, Rechtsanwalt mit einer Kanzlei in München, kennt einige solcher Fälle: „Ein älterer Mandant kam zu mir, da er sich zu einem Testament beraten lassen wollte. Auf den ersten Blick eine reine erbrechtliche Fragestellung also. Doch schnell stellte sich heraus, dass die Familienverhältnisse äußerst kompliziert waren – Patchwork, Streit mit den Kindern. Dazu dann noch eine frühere Schenkung an ein Enkelkind, die plötzlich Bedeutung bekam. Als dann auch noch ein medizinisches Gutachten ins Spiel kam, das Zweifel an seiner Testierfähigkeit äußerte, musste ich nicht nur erbrechtlich, sondern auch betreuungsrechtlich, sozialversicherungsrechtlich und steuerlich beraten. Ohne Rücksprache mit einem Steuerberater und einem Facharzt für Gerontopsychiatrie wäre dieser Fall gar nicht rechtssicher lösbar gewesen.“

 

„Seniorenmandate“ heute häufig komplexer. Fragestellungen greifen über zahlreiche Rechtsgebiete hinaus

Fialas Fall steht stellvertretend für viele Mandate, die dem Seniorenrecht zugeordnet werden. Früher waren es klassische Themen wie Rentenansprüche und die Regelung des Erbes. Klappt der Anwalt heute die Akte auf, schimmert häufig zunächst ein Kernproblem, das sich aber rasch weiter verästelt und neue Unklarheiten zutage fördert, die eine Zwischenlösung brauchen.

Das liegt nicht nur an den im Vergleich vor zwanzig oder mehr Jahren neuen Lebensmodellen im Alter (z.B. betreutes Wohnen, Senioren-WGs) oder brüchigeren Lebensbiografien, sondern auch an dem multi-juristischen Cocktail, der sich aus verschiedensten Rechtsgebieten zusammenbraut. Hier zieht das Seniorenrecht alle Register und spannt sich nicht nur über das Sozial-, Steuer- und Erbrecht. Das Sozialversicherungsrecht ist ebenfalls mit an Bord, das sich wiederum auffächert in Kranken-, Pflege- und Rentenversicherungsrecht.

Wie tief ein Anwalt in die Materie eintauchen muss, zeigt sich oft nicht klar von Beginn an, als wenn beispielsweise ein Kaufvertrag zu prüfen oder eine Forderung einzuklagen ist. Und klar ist auch: Die Verfahren werden komplexer und die Vielzahl an Anspruchsgrundlagen sind heute schwerer zu durchblicken. Allein wer seine medizinische Behandlung regeln oder sich mit Generalvollmachten im Alter absichern will, muss mittlerweile seine Verfügungen juristisch in Intervallen prüfen lassen, ob sie angesichts neuer Gesetze oder sich wandelnder Rechtsprechung anzupassen bzw. zu ändern sind.

 

Was ältere Menschen zur Beratung treibt. Krisen schaffen neuen Beratungsbedarf. Anwälte stricken ein „silbernes Netzwerk“.

Wer wissen will, was die aktuelle Seniorengeneration so umtreibt, kann sich mit Frank Rethmeier unterhalten, Leiter des Fachgebiets Sozialrecht beim Landesverband Niedersachsen des Sozialverbands Deutschland. Er ist sozusagen ein Seismograph für die Sorgen und Nöte der Älteren: „Man sucht in unseren Beratungszentren vermehrt Unterstützung bei Fragen zu Rentenansprüchen, Grundsicherung im Alter, Pflegeleistungen und Wohngeld. Zudem steigt der Beratungsbedarf, was die Beantragung und Durchsetzung von Ansprüchen auf Pflegegrade oder Leistungen der Pflegeversicherung angeht. Steigende Fragen gibt es auch im Bereich soziale Teilhabe und Barrierefreiheit und natürlich zu Vorsorgevollmachten und Patientenverfügungen. Was immer stärker nachgefragt wird: Beratung zu Grundsicherung im Alter, Pflegeleistungen oder Wohngeld.“

Und mancher Beratungsbedarf tritt erst infolge einschneidender Krisen zutage. Die Corona-Pandemie habe den Bedarf an Beratung zu Kurzzeit- und Verhinderungspflege sowie zu besonderen Regelungen bei Pflege und Betreuung deutlich erhöht, so Rethmeier. Das merke man bis heute.

Ebenso schnell erkennt man, wie wichtig ein breites, belastbares Netzwerk ist – auch jenseits juristischen Fachwissens, wenn es mal ruckelt im Mandat. Und das geschieht nicht selten, wenn ältere Menschen in der Kanzlei ihren Fall schildern. „Ein größeres Netzwerk ist für den Anwalt einfach empfehlenswert. Dies ist immer dann relevant, wenn ein Anwalt die rechtliche Betreuung als bestellter Betreuer für eine Person übernimmt. Es ist dann wichtig, viele Anlaufstellen zu haben, die bestimmte Aspekte, wie beispielsweise häusliche Betreuung, die Steuererklärung oder Ähnliches abdecken können“, so Rechtsanwalt Philipp Krasa von der Kanzlei Dr. Sonntag in Fürth.

Manche Juristen sprechen dann vom „silbernen Netzwerk“, angelehnt an Wortschöpfungen wie „Silver Ager“ oder „Silver Surfer“ für die Rentnergeneration.

Anwälte haben zahlreiche Optionen, sich mit Experten und Juristenkollegen zu vernetzen und deren Expertise zu nutzen, beispielsweise

 

Erbrecht und Nachfolgeregelungen stehen ganz oben. Anwälte benötigen steuerrechtlichen Hintergrund. Generationenwechsel in Unternehmen

Rechtsanwalt Krasa beobachtet, dass es in Mandaten zunehmend um die Übertragung von Vermögenswerten in die nächste Generation geht. „Das sind dann auch zugleich die komplexeren Mandate, wobei verschiedene Aspekte zu berücksichtigen sind, sowohl steuerrechtliche, als auch erbschaftsrechtliche sowie das verbleibende Vermögen beim Mandanten. Gerade zwischen Erbrecht und Steuerrecht bestehen große Diskrepanzen. Was auf der einen Seite steuerrechtlich für den Mandanten attraktiv ist, kann vermögens- oder erbrechtlich sehr schlecht für ihn sein – und umgekehrt. Daher gilt es, zwischen diesen Aspekten einen Ausgleich zu schaffen.“

Viele Mandanten suchen Beratung, da sie für ihre Betriebe Nachfolger suchen und den Vorgang juristisch festklopfen wollen. Das ist oft schwieriger geworden, wenn die Kinder hierfür ausfallen und stattdessen familienfremde Menschen ins Spiel kommen. Angesichts Vererbungswelle und den zahlreichen Nachfolgesuchen zeichnet sich dabei einer der größeren Brocken in der Beratung älterer Mandanten ab.

 

Ein Mix aus juristischer Beratung, Lebensbegleitung und Glückswächter? Zukunftsthemen im Alter und Anwälte in der Rolle des Mentors

Viele Anwälte sehen das Modell der lebensbegleitenden Rechtsberatung als große Schnittstelle mit Potenzial. Einige Juristen blicken auf eine jahrzehntelange Betreuung ihrer Mandantschaft zurück, wobei der Anwalt Jurist, Lebensberater und Warninstanz in Personalunion ist.

Schauen wir dem fiktiven Anwalt B. über die Schulter: Er bespricht mit einem Mandanten in den nächsten Tagen dessen Erbplanung. Zufällig hat er Medikamentenschachteln beim Mandanten entdeckt und Alkoholgeruch wahrgenommen. B. kontaktiert einen Altersmediziner um zu erfahren, was der Mandant da eigentlich einnimmt, ob Suchtgefahren bestehen oder sogar die Entscheidungsfähigkeit gemindert ist. Süchte, Medikamentenabhängigkeiten und psychische Erkrankungen unter älteren Menschen rücken verstärkt in den Fokus, auch wenn der Tabu-Mantel immer noch einiges zudeckt.

Zwei Stunden später das Videotelefonat mit dem Gerontologen, den er über den lokalen Pflegestützpunkt kennengelernt hat: Für die Frau eines Mandanten will B. eine spezielle geriatrische Rehaklinik suchen. Er hat sich hier mittlerweile einen Namen gemacht und kann Senioren gezielt beraten, wenn es um die Wahl spezialisierter Reha-Einrichtungen geht. Spätnachmittags ein Telefonat mit einem Polizeibeamten. Die Tochter eines Mandanten hat dem Anwalt ihre konkreten Sorgen um die Fahrtüchtigkeit ihres 80-jährigen Vaters mitgeteilt. Wie geht man ein Gespräch in der heiklen Sache Führerschein behalten oder nicht heran? Nicht zu vergessen: Das Gespräch mit dem in Finanzdingen eher unbedarften Mandanten D., der seit zwei Jahren in Rente ist und jüngst begeistert schilderte, mal eben 50.000 EUR in Kryptowährungen stecken zu wollen.

 

Interdisziplinär agierende Juristen als Zukunftsmodell? Anwaltsnetzwerke als Impulsgeber, was die ältere Mandantschaft wünscht

Kein Anwalt muss genau diesen Weg gehen. Es wird weiterhin Juristen geben, die sich beispielsweise vorrangig auf das Renten- oder Medizinrecht konzentrieren, auch wenn KI im Arbeitsalltag hier für geänderte Arbeitsmodelle sorgt. Viele Themenkomplexe auf den Gebieten des Seniorenrechts sind für sich schon juristisch herausfordernd genug. Der interdisziplinäre Anwaltsjob mit externer Expertise stellt jedoch ein attraktives Zukunftsmodell dar, das aber auch bedeutet: Wer ältere Menschen rechtlich begleitet, muss aufmerksam deren Lebensrealitäten und Entwicklungen beobachten und einige Trends sind nicht gleich erkennbar.

Die Zukunftsthemen reichen von digitaler Teilhabe und finanzieller Vorsorge bis hin zu modernen Assistenzsystemen, die ein selbstbestimmtes Leben in den eigenen vier Wänden ermöglichen – auch im hohen Alter. Im Jahr 2020 lebten rund 82 % der über 85-Jährigen noch in Privathaushalten, lediglich knapp 18 % wohnten in stationären Einrichtungen wie Pflegeheimen, so das Statistische Bundesamt. Fragen Sie einmal in Ihrem Kollegenkreis, wer auf diese Zahlen getippt hätte. Nur ein Beispiel, wo sich künftiger Beratungsbedarf verstecken kann, womit wir wieder beim Netzwerk angelangt sind: Denn alle darin, ob nun Pflegedienst, Gerontologe oder Seniorenberatungen, können auch kluge Tippgeber für den Anwalt sein, was ältere Menschen perspektivisch stärker bei Juristen nachfragen werden.

Wie überraschend erfolgreich eine Idee sein kann, musste auch der Anwalt erkennen, der mit einem kleinen Workshop über Ahnenforschung und die Möglichkeiten von DNA-Matching so einen Erfolg besonders bei älteren Menschen hatte, dass einige von ihnen später dauerhaft zu Mandanten wurden.

Diesen Beitrag teilen

Facebook
Twitter
WhatsApp
LinkedIn
E-Mail

Unser KI-Spezial

Erfahren Sie hier mehr über Künstliche Intelligenz – u.a. moderne Chatbots und KI-basierte…