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„Ein Bauchgefühl dafür haben, ob etwas »fliegen« kann oder nicht“

CMS ist in Deutschland eine der führenden wirtschaftsberatenden Anwaltssozietäten. Mehr als 600 Anwälte, Steuerberater und Notare sind in acht wichtigen Wirtschaftszentren in Deutschland und an fünf internationalen Standorten vertreten. Rechtsanwalt Dr. Jörg Zätzsch ist einer von ihnen und seit 2004 Partner der Sozietät. Ein Gespräch über zufriedene Investoren, wie Anwälte Start-ups unter die Arme greifen und warum bei FinTechs noch einiges geht.


UM WAS GING ES, ALS SIE ERSTMALS EIN START-UP JURISTISCH BEGLEITETEN?

Das ist schon etwas länger her. Schließlich bin ich schon seit Anfang 1999 als Anwalt tätig. Die erste größere Start-up-Beratung war gleich im selben Jahr und in 2000. Das damalige Start-up Epigenomics, ein Biotechnologie-Unternehmen, führte eine Finanzierungsrunde und gleichzeitig einen Merger, also eine Fusion, mit einer US-Gesellschaft durch. Das war ein tolles Mandat, denn es hatte auch internationale Bezüge. Die Epigenomics haben wir dann weiter bei den folgenden Finanzierungsrunden begleitet. Heute ist das Unternehmen börsennotiert. Mein Fokus liegt auf Finanzierungsrunden, Transaktionen, Gesellschaftsrecht und Programmen betreffend Mitarbeiterbeteiligungen, häufig mit internationalem Bezug. Ich berate stark wachstumsorientierte Start-ups und Venture Capital- und Private Equity Fonds. Aber eben auch strategische Investoren, die in solche Unternehmen investieren, vom Start-up bis zu dessen Exit, also dem Verkauf.


WIE BETREUEN SIE BEI CMS JUNGE GRÜNDER? WELCHE ROLLE SPIELT DAS EQUIP-PROGRAMM?

Die einfache Antwort ist: Wie jeden anderen Mandanten auch. Hier gibt es natürlich keine Qualitätsabschläge. Die Start-ups kommen ja gerade zu uns, weil wir für Qualität stehen. Wir haben als Großkanzlei schon seit jeher Start-ups, gerade in Berlin und München, beraten, und zwar nicht nur im Corporate-Bereich, sondern auch im operativen Geschäft. Klar ist die Herausforderung dabei, dass Preis und Leistung stimmen müssen. Angesichts der dünnen Finanzdecke der Start-ups gilt das in besonderem Maße. Aufgrund unserer Erfahrungen schnüren wir gute Pakete und haben für vieles Standards entwickelt. Im internationalen Kontext bieten wir für junge Start-ups zwischen Seed-Phase, also der Anfangs- und Planungsphase, und der ersten Finanzierungsrunde unser equIP-Programm an.


DAS BEDEUTET KONKRET?

Unser equIP-Team arbeitet mit sorgfältig ausgewählten Start-ups zusammen und unterstützt sie dabei, zu wachsen und zu einem starken Anwärter für eine Series-A-Finanzierung und folgende Finanzierungsrunden bis hin zum erfolgreichen Verkauf zu werden. Hier gibt es einen regelmäßigen Austausch, auch unter den Start-ups, und wir bieten bestimmte Paketkonditionen an. Das Programm ist stark auf Start-ups mit einem besonderen technologischen Hintergrund zugeschnitten.


GESUNDHEITS-APPS, INTERNETPORTALE ODER INNOVATIVE DIENSTLEISTUNGEN: JEDE IDEE BENÖTIGT IHRE INDIVIDUELL KONZIPIERTE RECHTLICHE BERATUNG: WIE HOCH DARF MAN SICH DABEI IHR ARBEITSVOLUMEN VORSTELLEN?

Typische Juristenantwort: Es kommt darauf an. Es gibt Start-ups, in denen die Gründer noch nicht genau wissen, wohin die Reise geht. Hier hilft oftmals ein Coaching, das gar nicht so sehr rechtliche Beratung ist, sondern vielmehr eine Unterstützung, die Themen strukturiert anzugehen – natürlich durch die rechtliche Brille geprägt. Das kann dann ganz unterschiedlich sein. Einmal vielleicht die Frage, ob ein Geschäftsmodell überhaupt rechtlich zulässig ist. Das ist häufig der Fall bei Modellen, die »datenschutzintensiv« sind, kreative neuere Abrechnungsmodelle vorsehen, was die Finanzdienstleistungsaufsicht interessieren könnte, oder aber den Bereich E-Health mit regulatorischen Herausforderungen betreffen.


DABEI FLIESST IHRE ERFAHRUNG AUS DER BERATUNG VON „GROSSMANDANTEN“ EIN.

Das ist ein wichtiger Punkt. Wir haben schon eine gewisse Idee, was Großunternehmen als potenzielle Erwerber brauchen könnten oder wie sie ticken. Auch muss man oft die Grenze überschreiten und den Blick auf das Ausland werfen. Denn viele Geschäftsmodelle sind skalierbar, das heißt nicht nur in Deutschland anwendbar. Geht es dann um ein Geschäftsmodell, das stark von rechtlichen Rahmenbedingungen beeinflusst ist, sollte man zumindest grob überlegen, ob das Modell wirklich in jeder Jurisdiktion einsetzbar ist.


WIE STELLEN SIE IHRE KOMPETENZ-TEAMS ZUSAMMEN?

Bei CMS unterscheiden wir nach Branchenschwerpunkt oder nach Rechtsgebieten, zum Beispiel Venture Capital, und zwar sowohl national als auch international. In den jeweiligen Kreisen gibt es regelmäßige Präsenztreffen – zumindest vor der Covid-19-Pandemie. Für den dauernden Austausch setzen wir auf Videokonferenzen, die öfter stattfinden. Natürlich haben wir uns auch schon vor der Pandemie so ausgetauscht. Allerdings ist das gemeinsame Bier abends an der Bar einfach durch nichts zu ersetzen. Ein solches Kennenlernen hilft später auch bei der fachlichen Zusammenarbeit.


IST BEI AUSFORMULIERUNG UND EINZUSCHÄTZENDEN MARKTCHANCEN AUCH STETS DER DRUCK VORHANDEN, DASS ANDERE GRÜNDER AN ÄHNLICHEN IDEEN TÜFTELN? ALSO KLEINE LÄUFE GEGEN DIE ZEIT?

Als Anwälte sind wir zum Glück in diesen Bereichen nicht so eingebunden. Natürlich ist es immer ein Lauf gegen die Zeit, wenn man konkurrierende Produkte am Markt hat. Manchmal lösen sich die Themen dann auch durch Zusammenschlüsse, zum Beispiel angeregt durch die Investoren.


LASTET EIN IMMER GRÖSSERER ERFOLGSDRUCK AUF GRÜNDER UND START-UPS, DA INVESTOREN MÖGLICHST SCHNELL PROFITABILITÄT BZW. SICH AM BESTEN FORTLAUFEND EINHÖRNER WÜNSCHEN?

Klar ist: Der Finanzinvestor geht ein Investment auf Zeit ein. Auch die jeweiligen Fonds-Investoren erwarten vom Venture Capital Fonds einen Return on Investment. Und natürlich kann es dann zu Druck kommen, wenn über lange Zeit kein Verkauf stattfindet. Das muss Gründern bewusst sein. Strategische Investoren haben da andere Interessen.


WIE WICHTIG IST FACHLICHE EXPERTISE, UM DIE CHANCEN VON PRODUKTEN UND DIENSTLEISTUNGEN IN VERSCHIEDENEN LÄNDERN ZU BEURTEILEN?

Für uns als Anwälte ist es natürlich nicht primär unsere Aufgabe, die Chancen von Start-ups zu beurteilen, sondern wir helfen den Start-ups, ihre Ideen rechtlich bestmöglich umzusetzen. Durch unsere langjährige Erfahrung in diesen Bereichen haben wir aber oft schon ein Bauchgefühl, ob etwas »fliegen« kann oder nicht, oder ob vielleicht ein Twist im Geschäftsmodell helfen könnte. Manchmal können wir auch den Kontakt zu anderen Gründern herstellen, die an ähnlichen oder verwandten Themen arbeiten. Das hilft enorm. Und ja, die rechtliche Expertise ist oft auch wichtig, um beurteilen zu können, ob ein Geschäftsmodell am Markt akzeptiert wird. Andererseits: Manchmal muss man auch die Regeln brechen und etwas Neues wagen. Allerdings ist »Vorsprung durch Rechtsbruch« auch immer eine heikle Sache.


IST BEI DEN FINTECHS DER MARKT GESÄTTIGT ODER SEHEN SIE NOCH POTENZIAL?

Meine persönliche Auffassung ist, dass dieser Markt noch nicht gesättigt ist. Natürlich verbergen sich hinter dem schillernden Begriff »FinTech« ganz unterschiedliche Sachen. Ein Beispiel: Im Bereich der AI, also der Künstlichen Intelligenz, ist noch viel möglich, glaube ich. So beschäftigt sich einer unserer Mandanten mit der Nutzung von AI bei der Anlage in Wertpapiere. Natürlich machen das einige, aber hier ist sicher noch Luft nach oben.


IN DEUTSCHLAND WIRD GERN ÜBER INNOVATIONSHEMMENDE EFFEKTE UND MANGELNDE RISIKOBEREITSCHAFT GEKLAGT. WÄREN GRÜNDER VON GOOGLE ODER FACEBOOK IN DEUTSCHLAND EHER GESCHEITERT? WIE SEHEN SIE DIE UNTERSCHIEDLICHEN ÖKONOMISCHEN KULTUREN UN DEN USA UND DEUTSCHLAND?

Diesen Vorwurf habe ich schon gehört, als ich 1999 in die Start-up-Szene eingetaucht bin. In den USA sei alles besser und alles einfacher und die Kultur sei anders. Natürlich ist da zum Teil etwas dran. Aber Deutschland sollte sein Licht nicht unter den Scheffel stellen. Das Handelsblatt hat erst Anfang Januar 2021 berichtet, dass deutsche Start-ups eine Rekordsumme an Finanzierungen erworben haben.

Es gab an, unter Beleg harter Daten, dass Start-ups aus Europa Investoren höhere Renditen einbringen als die Konkurrenz aus dem Silicon Valley. Ich denke, dieser Aspekt tendenziell zu groß, um es hier differenziert zu beantworten. Jedenfalls ist dieses pauschale Schwarz-und-Weiß sicher nicht in seiner Absolutheit richtig.


WAS HAT SELBST SIE ALS DIGITAL SEHR AFFINEN JURISTEN ZULETZT ÜBERRASCHT, WAS DIE BOOMENDEN ZWEIGE DER DIGITALISIERUNG BETRIFFT?

Die Wirkung der Covid-19-Pandemie: Auf der einen Seite die unglaublichen Härten, etwa für die Gastronomie oder das Reisegewerbe, und auf der anderen Seite dieser wahnsinnige Boom im digitalen Bereich. Ich denke, spätestens jetzt ist jedem klar geworden, wie wichtig Digitalisierung ist. Die Pandemie hat dem noch einmal einen richtigen Schub gegeben. Leider haben die Schulen davon nicht so viel mitbekommen. Das ist aber ein anderes Thema.


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