Sie beraten täglich in komplexen Sachverhalten, wägen Risiken ab und denken in Szenarien. Doch wie strategisch steuern Sie eigentlich Ihr eigenes Vermögen?
Viele selbstständige Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte verfügen über ein überdurchschnittliches Einkommen. Das ist ein Privileg – aber auch eine Verpflichtung. Denn hohe Einnahmen allein schaffen noch keine finanzielle Freiheit. Entscheidend ist, was Sie daraus machen.
Dieser Beitrag gibt Ihnen Tipps aus unserer langjährigen Erfahrung in der Finanzberatung von Rechtsanwälten „von Jurist zu Jurist“, wie Sie Investment, Altersvorsorge und Steuern intelligent kombinieren – auch bei voller Kanzleiauslastung.
1. Warum das Versorgungswerk nicht reicht
Das anwaltliche Versorgungswerk ist eine solide Basis. Aber es ist eben nur das: eine Basis.
Was Sie erwarten können:
- eine lebenslange Rente
- eine berufsständische, kapitalgedeckte Struktur
- planbare Versorgung oberhalb der gesetzlichen Rente
Was Sie nicht erwarten sollten:
- vollen Inflationsausgleich
- hohe Renditen wie bei Aktien oder Immobilien
- Zugriff auf Ihr eingezahltes Kapital
- echten Vermögensaufbau mit vererbbaren Werten
Versorgungswerk – Das Wichtigste in Kürze
|
In unseren Analysen zeigt sich regelmäßig: Bei einem Bruttoeinkommen von 200.000 € fehlen im Ruhestand schnell rund 6.000 € monatlich zum bisherigen Lebensstandard. Selbst bei Einkommen in Höhe der Beitragsbemessungsgrenze entsteht eine spürbare Versorgungslücke.
Fazit: Das Versorgungswerk ist Pflicht – zusätzliche private Vermögensstrategie ist Kür. Und diese Kür entscheidet über Ihre finanzielle Freiheit.
2. Das magische Dreieck der Geldanlage
Jede Geldanlage bewegt sich im Spannungsfeld von:
- Rendite
- Sicherheit
- Liquidität
Alle drei gleichzeitig zu maximieren, ist unmöglich, spätestens wenn daraus unter Berücksichtigung von Inflation und Steuern ein magisches Fünfeck wird. Wer maximale Sicherheit sucht oder jederzeit liquide bleiben möchte, akzeptiert dafür Renditeverluste. Wer hohe Erträge anstrebt, muss Schwankungen aushalten.
Gerade Juristinnen und Juristen neigen zu rationalem Sicherheitsdenken. Doch „sichere“ Anlagen wie Tagesgeld oder Festgeld enthalten ein sicheres Risiko: die schleichende Entwertung durch Inflation. Zwei Prozent Inflation bedeuten rund 20 % Kaufkraftverlust in zehn Jahren.
Strategische Geldanlage heißt daher: Sicherheit inflationsbereinigt denken.
3. Fünf goldene Spielregeln für Ihren Vermögensaufbau
Erfolgreiches Investieren basiert nicht auf Geheimtipps, sondern auf klaren Prinzipien:
- Ziel definieren: Wann wollen Sie finanziell frei sein? Wie groß ist Ihre Rentenlücke?
- Risikoprofil klären: Wie viel Schwankung halten Sie mental aus?
- Diversifizieren: Nie alles auf eine Karte setzen – weder nur MSCI World noch nur Immobilien.
- Emotionen kontrollieren: Disziplin schlägt Bauchgefühl.
- Früh starten: Der beste Zeitpunkt war gestern, der zweitbeste ist heute.
Zeit ist beim Vermögensaufbau oft wichtiger als Rendite. Wer mit 30 beginnt und 1.000 € monatlich zu 6 % investiert, kann bis 67 rund 1,5 Mio. € erreichen. Wer erst mit 50 startet, landet trotz gleicher Sparrate deutlich darunter. Zins und Zeit wirken gemeinsam – oder eben nicht.
4. ETFs, Märkte und das Problem mit dem Timing
„Time in the market beats timing the market.“
Über 90 % der aktiven Fondsmanager schlagen langfristig ihren Vergleichsindex nicht, wie die SPIVA Studie von S&P regelmäßig feststellt. Warum sollte ausgerechnet Ihnen das dauerhaft gelingen?
ETFs bieten:
- geringe Kosten
- breite Streuung
- Transparenz
- einfache Umsetzung
ETFs haben aber auch Grenzen: Sie liefern Marktrendite – nicht automatisch Outperformance. MSCI World basierte ETFs schaffen zusätzlich Klumpenrisiken durch eine Übergewichtung von US-Unternehmen und wenigen Technologiewerten.
Eine durchdachte Strategie kann daher beinhalten:
- Beimischung von Nebenwerten (Small Caps)
- gezielte Branchen- oder Themenbausteine
- strukturierte Rebalancing-Regeln
Wichtig ist weniger die perfekte Produktauswahl – entscheidend ist Ihr Verhalten. Studien (z.B. von Vanguard) zeigen, dass professionelle Begleitung durch bessere Struktur, Rebalancing und Verhaltenssteuerung einen Mehrertrag von 1,5–3 % pro Jahr („Advisor’s Alpha) ermöglichen kann.
Nicht der Markt ist meist das Problem, sondern Panik, Gier und Aktionismus.
5. Altersvorsorge ist mehr als ein Depot
Ein Wertpapierdepot ersetzt keine Altersvorsorge.
Das deutsche Vorsorgesystem folgt dem sogenannten Drei-Schichten-Modell:
- Schicht 1: Versorgungswerk und Basisrente (steuerlich gefördert, strenge Regeln)
- Schicht 2: Betriebliche Altersversorgung
- Schicht 3: Private, frei gestaltbare Vorsorge
Gerade für selbstständige Rechtsanwälte ist die Basisrente (Rüruprente) ein starker steuerlicher Hebel. Beiträge sind als Sonderausgaben abzugsfähig, die Besteuerung erfolgt später – häufig zu einem niedrigeren Steuersatz.
Rüruprente – Das Wichtigste in Kürze
|
Eine sinnvolle Kombination kann bestehen aus:
- ETF-Depot für Flexibilität und Vermögensaufbau
- Basisrente für steueroptimierte Altersvorsorge
- optional vermieteten Immobilien zur Diversifikation
So verbinden Sie Rendite, Steuerersparnis und lebenslange Absicherung.
6. Immobilien als strategischer Baustein
Ein Investment in Immobilien bietet drei große Vorteile:
- Hebelwirkung durch Fremdfinanzierung
- steuerliche Effekte (AfA, Zinsen, Erhaltungsaufwand)
- langfristiger Inflationsschutz
Immobilien Investments als Kapitalanlage – Das Wichtigste in Kürze
|
Eine typische Musterrechnung zeigt: Selbst bei moderater Wertsteigerung von 1,5 % erwirtschaftet eine mit 30.000 EUR Eigenkapital gekaufte und mit 3,6 % Zins finanzierte Immobilie bei einer Mietrendite von 3 % über zehn Jahre eine durchschnittliche jährliche Eigenkapitalrendite von 12% – durch geschickte Nutzung von Steuervorteilen!
Erfolgreiches Investieren in Immobilien ist kein Selbstläufer. Es erfordert Auswahl (u.a. Kaufpreis, Lage, Zustand, Mietpotential), Struktur (z.B. vermögensverwaltende GmbH vs. Privatvermögen) und Liquiditätsplanung (u.a. Rücklagen, Anschlussfinanzierung). Beachtet man diese Aspekte, können sie ein sehr sinnvoller Baustein der Vermögensplanung sein.
7. Steuern als Renditehebel nutzen
Als Juristin oder Jurist kennen Sie die Systematik des Steuerrechts. Nutzen Sie sie auch für sich.
Beispiele:
- Aktienfonds profitieren von 30 % Teilfreistellung auf Gewinne und Dividenden.
- Immobilien ermöglichen Abschreibung und steuerliche Absetzbarkeit von Finanzierungskosten.
- Beiträge zur Basisrente sind vollständig als Sonderausgaben abzugsfähig.
Steueroptimierung ist keine aggressive Gestaltung, sondern legale Nettorendite-Steigerung.
Das Finanzamt kann, richtig eingesetzt, Ihr strategischer Partner sein.
8. Erst Existenz absichern – dann Vermögen aufbauen
Vermögensstrategie beginnt nicht bei ETFs, sondern bei der Absicherung Ihrer Arbeitskraft.
Für selbstständige Rechtsanwälte gilt:
- Berufsunfähigkeitsversicherung: Absicherung des Nettoeinkommens bis 67 ist Pflicht, eine BU-Leistung vom Versorgungswerk unrealistisch.
- Private Krankenversicherung: In vielen Fällen sinnvoller als die gesetzliche Alternative – insbesondere im Zusammenspiel mit dem Versorgungswerk.
- Haftung: Vermögensschadenhaftpflicht über die Kanzlei, private Haftpflicht ergänzend.
Erst wenn die Basis „wetterfest“ ist, geht die Vermögensplanung nicht beim ersten Sturm baden – wenn z.B. durch Krankheit das Einkommen wegfällt.
9. Drei typische Fehler – und wie Sie sie vermeiden
- „Ich kümmere mich später darum.“
- „Das Versorgungswerk wird schon reichen.“
- „Ich spare schon irgendwie.“
Gerade in anspruchsvollen Berufen wird die eigene Finanzplanung häufig vertagt. Mandanten haben Priorität, die Kanzlei wächst, Investitionen werden verschoben. Doch Vermögensaufbau ist kein Nebenprojekt – sondern Teil Ihrer privaten und unternehmerischen Verantwortung, um finanziell erfolgreich zu sein.
Fazit: Finanzielle Freiheit ist eine Prioritätsfrage
Sie sind es gewohnt, strukturiert zu denken und komplexe Sachverhalte zu analysieren. Wenden Sie dieselbe Professionalität auf Ihre eigene Finanzstrategie an.
Eine kluge Kombination aus:
- Kapitalmarkt
- steueroptimierter Altersvorsorge
- Immobilien
- konsequenter Risikoabsicherung
führt nicht nur zu Vermögen – sondern zu Unabhängigkeit. Und Unabhängigkeit ist die vielleicht wertvollste Form anwaltlicher Freiheit.
Wer früh beginnt, strategisch plant und diszipliniert umsetzt, kann nicht nur gut verdienen – sondern langfristig frei entscheiden. Denn am Ende geht es nicht nur um Rendite, sondern um finanzielle Freiheit.
| Bald: Finanztipp für Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte Ab April erscheint im Anwaltspraxis Magazin alle zwei Monate – jeweils am ersten Montag des Monats – ein Finanztipp von Dr. jur. Berndt Schlemann. Die Reihe bietet kompakte, praxisorientierte Einblicke in aktuelle Finanzthemen, die für die anwaltliche Praxis und persönliche Vorsorge relevant sind. |










