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Raus aus der Rechtfertigung – privat und in der Kanzlei

„Ich fühle mich eigentlich immer so, als hätte ich meine Hausaufgaben nicht gemacht.“ – kommt Ihnen das bekannt vor? Das hat schon vor ein paar Jahren einmal eine Freundin zu mir gesagt, die auch Juristin ist, und zwar eine in ihrem Bereich sehr erfolgreiche. Es ist ein äußerst passendes Bild für das Gefühl, mit dem ganz viele Kolleginnen und Kollegen permanent herumlaufen. Wenn ich es erwähne, kommt sofort ein „Oh ja, das kenne ich auch.“ Gleichzeitig ist es doch ein wirklich nerviges Gefühl, dieses andauernd schlechte Gewissen allem möglichen gegenüber.

Aufgetaucht ist der Dauermulm in der Magengrube bei den meisten im Studium und es ist auch danach nicht so einfach, ihn abzulegen. Aber es lohnt sich, denn es nimmt uns die Leichtigkeit im Leben und die gilt es wiederzugewinnen.

Klarheit

Meine Lieblingsstrategie gegen das schlechte Gewissen ist Klarheit, und zwar die gegenüber mir selbst als auch die gegenüber anderen Menschen. Das gilt sowohl im beruflichen als auch im familiären Umfeld. Es ist ein Thema zum Dranbleiben, bei dem wir immer wieder genau hinschauen müssen, denn manchmal sind neue Entscheidungen vonnöten und Dinge, die klar waren, sind es nicht mehr. Das kann mit unseren Lebensphasen zu tun haben, mit einer Veränderung der beruflichen Situation, dem Hinzukommen oder Wegfall von Themen, Aufgaben oder Kolleginnen und Kollegen.

Es gibt einen guten Hinweis auf unsere eigene Unklarheit: Wenn wir beginnen, uns zu rechtfertigen.

Raus aus der Rechtfertigung

Ein weites Feld für das schlechte Gewissen ist die Balance zwischen beruflichen und privaten Unternehmungen, zwischen der im Büro und der zu Hause verbrachten Zeit. Haben Sie auch schonmal in einem Anflug von übergroßem Optimismus hinsichtlich der zur Verfügung stehenden Zeit gesagt, Sie würden so gegen 18 Uhr zu Hause sein? Und dann wartet jemand möglicherweise ab 18 Uhr mit irgendeinem Abendbrot, fragt um 19 Uhr schon etwas genervt nach und freut sich um 20 Uhr so gar nicht, wenn Sie mit schlechtem Gewissen und trotz allem abgehetzt ankommen?

Was in dem Beispiel fehlt ist die klare Entscheidung und viele von uns werden die Situation nachvollziehen können. Viel Arbeit steht an, der Tag wird lang werden und gleichzeitig wünschen wir ihn vielleicht selbst auch kürzer und würden gern gemeinsam mit der Familie zu Abend essen. Aber es wird nicht klappen und weil wir schon im Vorweg ein schlechtes Gewissen haben, geben wir irgendetwas an, das nicht funktionieren kann.

Mehr Freude

Direkt 20 Uhr anzusagen, führt zu weniger warten und weniger schlechtem Gewissen, dafür zu mehr Freude. Oder 18 Uhr ansagen und dann auch wirklich kommen. Denn natürlich gibt es auch die umgekehrte klare Entscheidung. Zum Beispiel die für einen arbeitsfreien Nachmittag – um zum Sport zu gehen oder mit dem Kind zum Musikunterricht, um im Garten zu sitzen oder Sprachunterricht zu nehmen. Auch hier hilft eine klare innere Entscheidung dabei, das schlechte Gewissen abzustellen. Sie müssen sich bei der Terminabsprache mit dem Amtsrichter eben so wenig rechtfertigen wie bei der Suche nach einem Termin mit der Gegenseite oder für eine Besprechung mit dem Mandanten. Wenn Sie keine Zeit haben, haben Sie keine Zeit.

Tool für Klarheit: Zwischenmeldungen

Das schlechte Gewissen lauert allerdings auch hinter jeder Akte, die wir gerade nicht bearbeiten, weil eben im Moment eine andere dran ist. Auch da hilft Klarheit und natürlich müssen Sie sich nicht dafür rechtfertigen, dass Sie gerade etwas anderes arbeiten. Es geht oft viel Zeit verloren durch das schlechte Gewissen und die Reaktion auf ungeduldige Anrufe oder Mails. Dann schauen wir eben doch mal kurz rein, antworten so ein bisschen, müssen aber doch später nochmal richtig ran und am Ende ist wieder viel Zeit unnütz ins Land gegangen.

Natürlich wartet jede Mandantin, jeder Mandant darauf, dass die eigene Sache bearbeitet wird. Je länger wir es nicht machen, weil die Sache zwar für die Person außerordentlich wichtig ist, für uns aber gerade nicht die dringendste Aufgabe, desto ungeduldiger und ungehaltener stellen wir uns oft die Person vor. Egal ob wir damit recht haben oder nicht: Zwischenmeldungen können hier helfen. Sie müssen sich nicht rechtfertigen für Ihre Prioritäten. Eine einfache Ansage, dass Sie sich übernächste Woche zurückmelden werden, kann sehr hilfreich sein.

Wenn Sie häufig dieses schlechte Gewissen spüren, nehmen Sie doch diese Frage mal als kleine echte Hausaufgabe mit: An welchen Stellen können Sie sich klarer werden über Ihre Prioritäten? Und diese noch klarer kommunizieren?

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