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KI-Praxis: Die Verhandlungsvorbereitung mit generativer KI

In dem letzten Beitrag haben wir die generative KI als Denkpartner eingeführt und mit dem Stresstest für Schriftsätze einen ersten Anwendungsfall für diese Ausrichtung der KI für das juristische Arbeiten vorgestellt. In der heutigen Ausgabe der „KI-Praxis“ nehmen wir uns einen nächsten Schritt in der juristischen Fallbearbeitung vor – die Vorbereitung auf den Verhandlungstermin vor Gericht.

Wie bereiten Sie sich auf die Verhandlung vor Gericht vor?

Sie lesen die Akte und vergegenwärtigen sich auf diese Weise den Sachvortrag der vertretenen Partei und die juristischen Argumente, die Sie zur Begründung der geltend gemachten Ansprüche oder zur Abwehr der von der Gegenseite erhobenen Ansprüche vorgetragen und begründet haben.

Sie machen sich Notizen zu den wichtigsten Tatsachenbehauptungen und Beweisangeboten ihrer Partei sowie zu der rechtlichen Argumentation mit den wesentlichen Argumentationssträngen.

Sie wägen die Chancen und Risiken ab und schätzen die Erfolgsaussichten für die eigenen Prozessziele ab. Und Sie überlegen sich auf dieser Basis akzeptabler Einigungsmöglichkeiten und skizzieren mögliche Vergleichspositionen.

Alle diese Aktivitäten sorgen dafür, dass sie gut vorbereitet und vertraut mit Sachvortrag, Beweisangeboten und rechtlicher Argumentation in den Verhandlungstermin gehen. Sie sollen daher auch keineswegs durch KI in Frage gestellt oder ersetzt werden. Gegenstand dieses Beitrags ist vielmehr die Frage, wie generative KI Sie bei der Verhandlungsvorbereitung als Denkpartner unterstützen und Ihre Vorbereitung verbessern kann.

 

KI als Denkpartner für das Aktenstudium

Stellen Sie sich dazu die KI als Ihren Denkpartner vor, mit dem Sie sich zu Ihren Vorbereitungsaktivitäten austauschen und überprüfen können, ob diese wirksam sind und Sie wirklich gut vorbereitet in einen Termin gehen. Mit etwas Routine werden Sie vermutlich Ihre Vorbereitung sogar effizienter gestalten können, indem Sie sich auf die Vorbereitungsaktivitäten konzentrieren, die Ihnen den größten Mehrwert bei der Vorbereitung in bestenfalls kürzerer Zeit bringen.

Bevor Sie dazu der KI Ihre Schriftsätze anvertrauen, vergewissern Sie sich hinsichtlich der rechtlichen Rahmenbedingungen für den Einsatz der von Ihnen eingesetzten künstlichen Intelligenz hinsichtlich Datenschutz, Geheimnisschutz und Vertraulichkeitsanforderungen sowie Urheberrechtsschutz und Nutzungsbedingungen der KI. Kann die konkret genutzte KI in Einklang mit diesen allgemeinen und berufsrechtlichen Anforderungen genutzt werden? Ist eine Anonymisierung erforderlich und ist diese ausreichend umgesetzt, so dass ein Rückschluss auf personenbezogene Daten ausgeschlossen ist? Je nach eingesetzter generativer KI – allgemein zugängliche Modelle wie ChatGPT, Claude oder Gemini oder juristische Spezialanwendungen – sind hier unterschiedliche Rahmenbedingungen zu beachten.

 

Den eigenen Aktenauszug kritisch hinterfragen

Ein solcher KI-gestützter Denkpartner könnte in einem ersten Schritt Ihre (auch handschriftlich) erstellte Zusammenfassung des wichtigsten Sachvortrags Ihrer Partei anhand der Schriftsätze auf Vollständigkeit prüfen und die von Ihnen vorgenommene Priorisierung bzw. Gewichtung kritisch hinterfragen.

Lassen Sie die KI dazu vielleicht die Perspektive des Gerichts einnehmen und aus dieser Rolle heraus beurteilen, welche Tatsachen nach der Vorhersage der KI in der mündlichen Verhandlung erörtert werden könnten, so dass Sie hierzu aussagefähig sein sollten.

Muster-Prompt: Aktenauszug validieren

Du bist mein kritischer Denkpartner bei der Vorbereitung eines Gerichtstermins. Ich habe die Akte gelesen und eine eigene Zusammenfassung des wesentlichen Sachvortrags meiner Partei erstellt. Deine Aufgabe ist es, diese Zusammenfassung zu überprüfen – nicht neu zu erstellen.

Bitte lade zunächst die maßgeblichen Schriftsätze (Klage, Erwiderung, ggf. weitere) hoch. Anonymisiere sie vorher, soweit dies nach den für dich geltenden Datenschutz-, Geheimnisschutz- und Vertraulichkeitsanforderungen erforderlich ist (Namen, Adressen und andere personenbezogene Angaben durch Platzhalter ersetzen oder schwärzen). Ich stelle dir außerdem meine eigene Zusammenfassung des Sachvortrags bereit.

Prüfe anhand der Schriftsätze:

– Vollständigkeit: Welche aus deiner Sicht wesentlichen Tatsachenbehauptungen, Beweisangebote oder Rechtsargumente fehlen in meiner Zusammenfassung oder sind unterrepräsentiert?
– Gewichtung: Wo weicht meine Priorisierung von dem ab, was in den Schriftsätzen tatsächlich betont wird?
– Perspektivwechsel Gericht: Nimm die Rolle des zuständigen Spruchkörpers ein. Welche Tatsachen und Rechtsfragen hältst du für am wahrscheinlichsten Gegenstand der mündlichen Erörterung? Zu welchen Punkten sollte ich aus deiner Sicht besonders aussagefähig sein, auch wenn sie in meiner Zusammenfassung bisher nicht im Vordergrund stehen?

Gib mir das Ergebnis in drei getrennten Abschnitten: (1) Lücken in der Vollständigkeit, (2) Anmerkungen zur Gewichtung, (3) Einschätzung aus Gerichtsperspektive zu den voraussichtlich erörterten Punkten. Bewerte an keiner Stelle die Erfolgsaussichten und ergänze keine Tatsachen, die sich nicht aus den Schriftsätzen ergeben. Kennzeichne Unsicherheiten ausdrücklich als solche.

Weitere Möglichkeiten der Auswertung einer juristischen Akte sind eine Chronologie der Ereignisse oder eine Darstellung der Beteiligten und ihrer Beziehungen in komplexen Sachverhalten mit vielen beteiligten Rechtssubjekten.

Muster-Prompt: Chronologie der Ereignisse

Bitte lade zunächst die relevanten Schriftsätze und Dokumente hoch (Klage, Erwiderung, weitere Schriftsätze, gerichtliche Verfügungen, relevante Anlagen). Anonymisiere sie vorher, soweit nach den für dich geltenden Datenschutz- und Geheimnisschutzanforderungen erforderlich.

Erstelle daraus eine lückenlose Chronologie der für den Rechtsstreit relevanten Ereignisse.

Vorgaben:

– Ein Ereignis pro Zeile, mit Datum (oder Zeitraum, falls kein exaktes Datum feststellbar ist).
– Gib zu jedem Ereignis die Partei an, aus deren Vortrag es stammt, sowie die Fundstelle (Schriftsatz + Seite/Randnummer, soweit erkennbar).
– Kennzeichne streitige Ereignisse ausdrücklich als „streitig“ und nenne kurz, worin die abweichenden Darstellungen der Parteien bestehen.
– Wenn sich zu einem Ereignis widersprüchliche Datumsangaben aus verschiedenen Schriftsätzen ergeben, weise auf den Widerspruch hin, anstatt ihn stillschweigend aufzulösen.
– Ergänze keine Ereignisse, Daten oder Details, die sich nicht ausdrücklich aus den Dokumenten ergeben.

Gib die Chronologie tabellarisch aus: Datum | Ereignis | Partei/Quelle | Fundstelle | Streitstatus.

Frage mich am Ende, ob bestimmte Zeiträume aus deiner Sicht auffällig lückenhaft dokumentiert sind, ohne diese Lücken selbst zu füllen.

 

Muster-Prompt: Beziehungen der Beteiligten

Der Sachverhalt betrifft mehrere Personen bzw. Rechtssubjekte, deren Rollen und Beziehungen zueinander ich mir vor der Verhandlung noch einmal vor Augen führen möchte. Bitte lade dazu die relevanten Schriftsätze und Dokumente hoch (anonymisiert, soweit nach den für dich geltenden Datenschutzanforderungen erforderlich – ersetze insbesondere Namen durch neutrale Kürzel wie „Person A“, „Vorgesetzter B“).

Erstelle daraus:

1. Eine Liste aller im Verfahren genannten Personen und Rechtssubjekte mit ihrer jeweiligen Rolle im Verfahren (z. B. Partei, Zeuge, Vorgesetzter, Dritter) und – soweit ersichtlich – ihrer Funktion im zugrunde liegenden Lebenssachverhalt.
2. Eine strukturierte Darstellung der Beziehungen zwischen diesen Personen (z. B. Weisungsverhältnis, Vertragsbeziehung, Zeugenschaft zu einem bestimmten Ereignis), jeweils mit Fundstelle.
3. Wenn technisch möglich: ein einfaches Beziehungsdiagramm (z. B. als Mermaid-Diagramm), das die Struktur auf einen Blick zeigt.

Weise ausdrücklich auf Rollen oder Beziehungen hin, die aus den Dokumenten nicht eindeutig hervorgehen, anstatt sie plausibel zu ergänzen. Nimm keine Bewertung vor, welche Person für den Ausgang des Verfahrens voraussichtlich wichtiger ist als eine andere.

 

Da gegnerische Schriftsätze urheberrechtlichen Schutz genießen können, wenn sie eine entsprechende Schöpfungshöhe aufweisen, ist jeweils zu prüfen, ob eine urheberrechtlich relevante Nutzung vorliegt und diese zulässig ist. Soweit möglich, ließe sich mit den Dokumenten aus der Akte auch mithilfe der generativen KI der streitige Sachvortrag analysieren und gezielt das Vorbringen der eigenen Partei mit dem gegnerischen Vorbringen gegenüberstellen (Relationsmethode).

Muster-Prompt: Gegenüberstellung streitigen Parteivorbringens

Bitte lade die Schriftsätze beider Parteien hoch (anonymisiert, soweit nach den für dich geltenden Datenschutzanforderungen erforderlich). Beachte, dass gegnerische Schriftsätze urheberrechtlich geschützt sein können – fasse deren Inhalt daher stets in eigenen Worten zusammen, statt ihn wörtlich zu übernehmen.

Stelle den Sachvortrag meiner Partei und den Sachvortrag der Gegenseite nach der Relationsmethode systematisch gegenüber:

1. Identifiziere die zentralen Streitpunkte (Themenblöcke) des Verfahrens.
2. Ordne jedem Streitpunkt die jeweiligen Tatsachenbehauptungen beider Parteien zu.
3. Kennzeichne für jede Behauptung, ob sie von der Gegenseite bestritten, zugestanden oder nicht adressiert wurde.
4. Stelle die jeweils angebotenen Beweismittel gegenüber.
5. Fasse die wechselseitigen rechtlichen Argumente zu jedem Streitpunkt kurz zusammen.

Gib das Ergebnis als Tabelle aus: Streitpunkt | Vortrag meiner Partei (+ Fundstelle) | Vortrag Gegenseite (+ Fundstelle) | Streitstatus | Beweismittel | rechtliche Kernargumente beider Seiten.

Nimm keine Bewertung vor, welche Partei in welchem Punkt die überzeugenderen Argumente hat, und ergänze keine Tatsachen oder Argumente, die sich nicht aus den Schriftsätzen ergeben.

 

Ihre Argumentation strukturieren und festigen

Gleichermaßen lässt sich Ihr selbst erstelltes Briefing für die rechtliche Argumentation einer kritischen Prüfung durch die KI unterziehen, die zunächst einmal Ihre Extraktion aus den eingereichten Schriftsätzen gegenchecken, ergänzen und/oder korrigieren kann. Lassen Sie die KI auch Ihre Bewertung der Argumente hinterfragen und Ihnen einen Vorschlag machen, wie sie die Argumentation strukturieren könnten, um eine möglichst große Wirkung zu erzeugen. Überzeugt Sie der Vorschlag der KI oder welche eigenen Vorstellungen ergeben sich für Sie bei der Rezeption des Vorschlags der KI?

Muster-Prompt: Die Argumentation challengen

Ich habe ein eigenes Briefing mit meiner rechtlichen Argumentation für den bevorstehenden Termin erstellt. Grundlage waren die beigefügten Schriftsätze. Bitte lade zunächst die (anonymisierten) Schriftsätze sowie mein Briefing hoch und prüfe mein Briefing kritisch, bevor ich damit in die Verhandlung gehe.

Prüfe insbesondere:

1. Abgleich mit den Schriftsätzen: Habe ich Argumente aus den Schriftsätzen übersehen, verkürzt oder falsch wiedergegeben? Gibt es rechtliche Gesichtspunkte in den Schriftsätzen, die in meinem Briefing fehlen?
2. Bewertung der Argumente: Wo erscheint dir meine Einschätzung der Überzeugungskraft einzelner Argumente zu optimistisch oder zu vorsichtig? Begründe kurz, woran du das festmachst.
3. Struktur: Schlage eine alternative Reihenfolge oder Gewichtung der Argumentation vor, die aus deiner Sicht in der mündlichen Verhandlung eine größere Wirkung erzielen könnte. Erläutere, warum.
4. Schwachstellen: Welche drei Einwände hältst du für am wahrscheinlichsten, wenn Gericht oder Gegenseite mein Briefing kritisch hinterfragen würden?

Gib mir die vier Punkte getrennt und mit Bezug auf die vorgelegten Schriftsätze aus. Erfinde keine Rechtsprechung oder Fundstellen. Kennzeichne eigene Einschätzungen ausdrücklich als solche und nicht als feststehende Tatsachen.

 

Verhandlungssimulation mit der generativen KI

Eine interessante Möglichkeit für diese Unterstützungsaufgabe ist, könnte es sein, die generative KI – gern auch im Voice-Modus, so dass Sie der KI dabei zuhören können – Ihre Argumentation wie im Verhandlungstermin Ihnen gegenüber vertreten zu lassen:

Muster-Prompt: Die KI als Ihr Sitzungsvertreter

Ich möchte hören, wie meine eigene Argumentation klingt, wenn sie mir laut vorgetragen wird – so, wie ich sie selbst in der mündlichen Verhandlung vor Gericht vortragen würde. Du übernimmst dazu die Rolle meines Sitzungsvertreters.

Bitte lade zunächst mein Briefing bzw. meine Argumentationsstruktur zu diesem Fall hoch.

Trage meine Position so vor, wie ich es in der mündlichen Verhandlung vor Gericht tun würde:

– in der ersten Person, so als sprächest du in meinem Namen,
– in der Reihenfolge und mit der Gewichtung, die sich aus meinem Briefing ergibt,
– in einem für die mündliche Verhandlung angemessenen, sachlichen und bestimmten Ton,
– ohne eigene, nicht in meinem Briefing enthaltene Argumente zu ergänzen.

Trage die Argumentation vollständig und zusammenhängend vor, so wie ein Plädoyer oder ein mündlicher Vortrag klingen würde – nicht als Stichpunktliste. Frage mich anschließend, ob der Vortrag in dieser Form meiner eigenen Vorstellung entspricht oder ob ich Anpassungen bei Reihenfolge, Betonung oder Formulierung möchte.

Drehen Sie nun den Spieß um und lassen Sie die KI Ihnen zuhören, indem diese wahlweise die Rolle des gegnerischen Bevollmächtigten oder die Rolle des Gerichts einnimmt, Sie im Gespräch mit Gegenargumenten oder kritischen Fragen herausfordert und Ihnen anschließend Feedback zu Ihrer Performance gibt.

Dies fühlt sich zu Beginn sehr ungewohnt und vielleicht sogar unangenehm an. Bedenken Sie, dass die KI nichts von dem, was Sie vorbringen und argumentieren, wirklich versteht, sondern lediglich nach – wenn auch komplexen – statistischen Mustern berechnet und vorhersagt, wie eine Rückmeldung auf Ihr gesprochenes Wort aussehen könnte, und sich dann für eine entsprechende Ausgabe nach ebenso komplexen Berechnungen entscheidet. Das ist selbstverständlich auch im Voice-Mode so.

Muster-Prompt: Verhandlungssimulation mit der KI

Simuliere mit mir ein Streitgespräch zur Vorbereitung auf die mündliche Verhandlung. Bitte lade zunächst den (anonymisierten) Sachverhalt bzw. die Schriftsätze sowie meine Argumentation hoch.

Wähle für diese Simulation eine der folgenden Rollen (frage mich, welche ich möchte, falls ich das nicht angegeben habe):

1. Prozessbevollmächtigter der Gegenseite – trage die wahrscheinlichsten Gegenargumente vor und widersprich meiner Argumentation, wo dies nach dem Sachverhalt naheliegt.
2. Vorsitzender Richter – stelle mir kritische Nachfragen zu Lücken, Widersprüchen oder unklaren Punkten in meiner Argumentation, so wie es in der mündlichen Verhandlung geschehen könnte.

Regeln für die Simulation:

– Bringe jeweils nur einen Einwand oder eine Frage pro Runde und warte meine Antwort ab, bevor du fortfährst.
– Bleibe während der Simulation konsequent in der gewählten Rolle; gib währenddessen kein Feedback zu meiner Performance.
– Erfinde keine Tatsachen, die dem Sachverhalt widersprechen, aber nutze plausible Interpretationen und Nachfragen, die aus der jeweiligen Rolle heraus naheliegen.
– Beende die Simulation, wenn ich „Ende“ sage oder nach spätestens acht Runden.

Gib mir danach, außerhalb der Rolle, ein kurzes Feedback: Wo war meine Argumentation überzeugend, wo unsicher oder ausweichend, und welche Nachfrage hat mich am stärksten herausgefordert?

 

Wichtiger ist: Was fällt Ihnen dabei auf? Überzeugen die Argumente? Trägt die KI Argumente überzeugend vor? Können Sie die Argumente überzeugend vortragen und können Sie mit Ihrer Argumentation kritischen Nachfragen standhalten? Was würden Sie anders und besser machen? Was lernen Sie daraus für die Vorbereitung in dieser Sache?

Machen Sie sich entsprechende Notizen. Sie werden Ihnen helfen, noch besser vorbereitet zu sein.

 

Mögliche Vergleichsverhandlungen vorbereiten

Ein wesentliches Element gerichtlicher Verhandlungstermine sind Vergleichsverhandlungen – oftmals eingeleitet durch eine vorläufige Einschätzung des Gerichts zu den wesentlichen Rechtsfragen und den daraus resultierenden Chancen und Risiken für die Parteien und einen daraus resultierenden Vergleichsvorschlag des Gerichts. Die erfordert oftmals ein gewisses Maß an Spontanität und Flexibilität, aber eben auch an Vorbereitung, um hier souverän reagieren zu können. Wie kann die generative KI bei der Vorbereitung hierauf unterstützen?

 

Legal Argument Mining und Legal Judgement Prediction mit der generativen KI

Fortgeschrittenere Methoden der Nutzung generativer KI, die einen Zugriff auf umfangreiche juristische Daten wie Gesetze, Verordnungen und Richtlinien sowie Rechtsprechung, Literatur, Muster und eigene Schriftsätze erfordern, sind das KI-gestützte Suchen nach juristischen Argumenten aus Entscheidungsbegründungen und Schriftsatzausführungen (Legal Argument Mining) und das Vorhersagen von möglichen Gerichtsentscheidungen anhand von einschlägiger Rechtsprechung (Legal Judgement Prediction).

Gerade vor dem Hintergrund einer noch immer geringen Veröffentlichungsquote gerichtlicher Entscheidungen im deutschen Rechtsraum stoßen diese Anwendungsfelder von Legal Analytics derzeit noch sehr schnell an Grenzen, so dass die Aussagekraft entsprechender Analysen derzeit noch sehr eingeschränkt zu bewerten ist. Mit zunehmender Digitalisierung des deutschen Rechtswesens wird sich deren Qualität deutlich steigern und es kann schon heute zumindest interessant sein zu erfahren, wie eine KI mit Zugriff auf umfangreiche Quellen und Daten auf entsprechende Fragen antwortet.

Muster-Prompt: Zusätzliche Argumente aus der Rechtsprechung finden

Ich bereite mich auf eine mündliche Verhandlung zu folgender Rechtsfrage vor: [Rechtsfrage präzise benennen]. Mein bisheriger Argumentationsstand: [eigene Argumente kurz zusammenfassen]. Falls für den Kontext hilfreich, lade zusätzlich die (anonymisierten) Schriftsätze hoch.

Recherchiere ergänzend:

1. Gerichtsentscheidungen (mit Gericht, Datum und Aktenzeichen bzw. Fundstelle, soweit auffindbar), die zusätzliche Argumente für meine Position liefern könnten, die in meinem bisherigen Stand noch nicht enthalten sind.
2. Literaturansichten oder Kommentierungen, die diese Rechtsfrage behandeln und für meine Argumentation nutzbar sein könnten.
3. Gegenläufige Entscheidungen oder Literaturansichten, mit denen ich rechnen sollte, weil sie von der Gegenseite herangezogen werden könnten.

Gib zu jeder Fundstelle an, worin genau das zusätzliche Argument besteht und wie es sich zu meinem bisherigen Argumentationsstand verhält. Wenn du dir bei einer Fundstelle nicht sicher bist, ob sie tatsächlich existiert oder korrekt wiedergegeben ist, kennzeichne dies ausdrücklich als unsicher, anstatt sie als gesichert darzustellen.

Wichtiger Hinweis an dich: Erfinde unter keinen Umständen Gerichtsentscheidungen, Aktenzeichen oder Fundstellen. Wenn du zu einem Punkt keine belastbare Quelle findest, sage das offen, anstatt eine plausibel klingende Fundstelle zu konstruieren.

 

Muster-Prompt: Mögliche Entscheidungen des Gerichts vorhersagen

Ich möchte eine Einschätzung dazu, wie ein Gericht auf Grundlage der bestehenden Rechtsprechung in einem Fall wie dem folgenden tendenziell entscheiden könnte: [Sachverhalt und Rechtsfrage kurz darstellen]. Falls hilfreich, lade zusätzlich die (anonymisierten) Schriftsätze hoch.

Gehe dabei so vor:

1. Benenne die Gerichtsentscheidungen, auf die du deine Einschätzung stützt (Gericht, Datum, Aktenzeichen bzw. Fundstelle), und fasse jeweils kurz zusammen, was daraus für den vorliegenden Fall folgt.
2. Stelle dar, ob und inwiefern sich in der von dir gefundenen Rechtsprechung eine einheitliche Linie erkennen lässt oder ob es divergierende Entscheidungen gibt.
3. Formuliere auf dieser Grundlage eine vorsichtige Tendenzaussage – ausdrücklich als Wahrscheinlichkeitseinschätzung, nicht als Vorhersage eines bestimmten Ergebnisses.
4. Benenne ausdrücklich die Grenzen dieser Einschätzung: fehlende Kenntnis unveröffentlichter erstinstanzlicher Entscheidungen, mögliche Besonderheiten des konkreten Spruchkörpers, Aktualität der herangezogenen Rechtsprechung.

Erfinde keine Gerichtsentscheidungen und keine Aktenzeichen. Wenn die Datenlage für eine belastbare Einschätzung zu dünn ist, sage das ausdrücklich, anstatt dennoch eine bestimmte Tendenz zu benennen.

 

 

An dieser Stelle bleibt es bis auf Weiteres so, dass die KI Fehler machen oder mitunter gar halluzinieren, also Gerichtsentscheidungen komplett erfinden kann und diese überzeugend darstellen kann, so stets eine menschliche Überprüfung erforderlich ist (Human-in-the-Loop), ja unverzichtbar ist. Niemand von uns möchte zu den Juristen gehören, die damit in die Schlagzeilen geraten, dass sie der generativen KI auf den Leim gegangen sind. Auch ist zu berücksichtigen, dass viele große Sprachmodelle nach ihren Nutzungsbedingungen keine Rechtsberatung erbringen dürfen und mangels eines echten rechtlichen Verständnisses auch nicht zuverlässig können.

 

Vergleichsvorschläge erstellen und überprüfen lassen

Wenden Sie also stets Ihr eigenes Wissen, Ihre eigene Erfahrung und Ihr eigenes Urteil an, um die Erfolgsaussichten Ihrer Partei zu bewerten und realistische Vergleichsvorschläge vorzubereiten, die Ihrer Bewertung entsprechen.

Bei der Erstellung von Text für entsprechende Vergleiche können Sie wiederum die KI als Denkpartner zur Hilfe nehmen: Welche Einigungsmöglichkeiten fallen der KI ein, die sich nicht gesehen haben? Welche Einigungsmöglichkeiten entsprechen den Interessen Ihrer Mandanten? Lassen Sie die KI die Gegenseite simulieren und die Vergleichsvorschläge aus der mutmaßlichen Sicht der Gegenseite bewerten? Welche hätten überhaupt das Potenzial, dass es zu einer Einigung kommt? Was müsste ggf. geändert werden, um die Chancen zu erhöhen? Wo verläuft Ihre rote Linie, wo die der Gegenpartei? Welche Chancen und Risiken ergeben sich durch einen Vergleichsschluss und mit welchen Bedingungen?

Muster-Prompt: Vergleichsvorschläge erarbeiten

Ich bereite mich auf mögliche Vergleichsverhandlungen im Termin vor. Meine eigene Einschätzung der Erfolgsaussichten und meine roten Linien habe ich bereits festgelegt: [eigene Einschätzung und rote Linie(n) einfügen]. Falls hilfreich, lade zusätzlich den (anonymisierten) Sachverhalt bzw. die Schriftsätze hoch.

Unterstütze mich wie folgt:

1. Ideenfindung: Welche Einigungsmöglichkeiten fallen dir zusätzlich zu meinen bisherigen Überlegungen ein? Denke dabei auch an nicht-monetäre Elemente (z. B. Fälligkeit, Zahlungsmodalitäten).
2. Interessenabgleich: Welche der von dir vorgeschlagenen oder von mir genannten Einigungsmöglichkeiten entsprechen erkennbar den Interessen meiner Partei, welche nicht?
3. Perspektivwechsel Gegenseite: Nimm die Rolle der Gegenseite ein und bewerte die verschiedenen Einigungsmöglichkeiten aus deren mutmaßlicher Sicht. Welche hätten überhaupt realistisches Potenzial für eine Einigung? Was müsste angepasst werden, um die Wahrscheinlichkeit einer Einigung zu erhöhen?
4. Rote Linien: Wo vermutest du die rote Linie der Gegenseite, soweit sich das aus dem Sachverhalt ableiten lässt? Kennzeichne dies ausdrücklich als Vermutung.
5. Chancen und Risiken: Stelle für die zwei oder drei aussichtsreichsten Vorschläge jeweils kurz dar, welche Chancen und Risiken ein Vergleichsschluss zu diesen Bedingungen für meine Partei hätte.

Gib die Punkte 1–5 getrennt aus. Ersetze an keiner Stelle meine eigene Bewertung der Erfolgsaussichten und triff keine Aussage darüber, welchem Vorschlag ich zustimmen sollte – liefere Optionen und Einschätzungen, keine Empfehlung.

 

Auch hier können Sie keineswegs sicher sein, dass die KI alle Nachteile und/oder Risiken erkennt, die tatsächlich bestehen oder drohen, oder überhaupt Risiken oder Nachteile erkennt, obwohl solche bestehen. Die KI kann Ihr eigenes, menschliches Denken hier nicht ersetzen. Womöglich findet die KI aber etwas, das Sie übersehen hätten, und bietet Ihnen auf diese Weise einen Mehrwert als Denkpartner. Leider kann die KI auch hier Fehler machen und Chancen oder Risiken halluzinieren, die nicht bestehen, so dass es stets einer menschlichen Kontrolle bedarf. Dies gilt für alle hier aufgezeigten Unterstützungsmöglichkeiten durch die KI als Denkpartner.

 

Profi-Tipp für Fortgeschrittene

Geben Sie der KI für häufig wiederkehrende Verfahrenskonstellationen kuratiertes Spezialwissen aus den maßgeblichen Rechtsvorschriften und Urteils-/Beschlussbegründungen, so dass die KI nicht in sämtlichem zugänglichen Wissen suchen muss. Hierdurch reduzieren Sie Fehler bei der Recherche durch die KI, so dass es seltener zu irrelevanten oder falschen Aussagen der KI kommt.

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