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Juristenkarrieren – Über Stallgeruch und Privileg

Die juristische Ausbildung mit ihren zwei Staatsexamina ist hart und berüchtigt. Es erfordert Disziplin, um am Ball zu bleiben und Resilienz, um sich durch die Notengebung nicht verunsichern zu lassen. Wer sich nach dieser harten Mühle nicht direkt selbstständig macht, findet sich auf dem Arbeitsmarkt wieder und hofft auf die Zusage beim Wunscharbeitgeber.

Doch was braucht man, um im Bewerberfeld für den begehrten Kanzleijob, den Einstieg im Ministerium oder DAX-Konzern zu bestehen? Sind nur Leistung und das berühmte Quäntchen Glück ausschlaggebend für beruflichen Erfolg oder spielen noch weitere Faktoren eine Rolle?

Zwei Welten: Thomas und Barbara

Stellen Sie sich zwei junge Juristen vor. Sie haben das Zweite Staatsexamen frisch in der Tasche. Nennen wir sie Thomas und Barbara.

Thomas‘ Vater ist selbstständiger Anwalt, seine Mutter Gymnasiallehrerin. Sie leben in einer Villa mit großem Garten. Thomas‘ Schulzeit prägten gemeinsame Theaterbesuche, Klavierstunden, Tennisunterricht im Sommer und Skiurlaube im Winter. Er bekam von seinen Eltern während des Studiums und im Referendariat Miete, Lebensunterhalt, Kleidung, Urlaube, Repetitor und Auslandsstation bezahlt. Das Netzwerk des Vaters ermöglichte ihm interessante Kontakte. Seine Eltern erkundigten sich regelmäßig, was das Studium denn mache. Thomas verspürte dadurch einen gewissen Druck, es nicht schleifen zu lassen, um sie nicht zu enttäuschen.

Barbaras Eltern haben eine kleine Bäckerei. Der Vater steht früh in der Backstube, die Mutter hinter der Ladentheke im Verkauf. Seit dem ersten Semester hat Barbara ihren Eltern im Betrieb geholfen, um sich das Studium zu finanzieren. Sie haben sich immer gut verstanden, Studium und Referendariat waren aber nur selten ein Thema. Besonders in der Examensvorbereitung vermied Barbara es, Überforderung und Examensängste anzusprechen, da ihr Vater meist achselzuckend erwiderte: „Du hast es Dir selbst ausgesucht. Unseretwegen hättest Du auch eine Ausbildung machen und den Laden übernehmen können. Wir haben schließlich auch nicht studiert.“

Haben Sie nach dieser Schilderung ein Gefühl, wer von beiden im Berufsleben erfolgreicher sein wird? Oder zumindest, wer es vermutlich leichter haben wird, beruflich voranzukommen?

Freischuss und gute Noten – Fleiß allein wird’s nicht sein

Money makes the world go round. Ein Jurastudium muss finanziert werden: einerseits das Notwendige (Miete, Lebensunterhalt, Kleidung, Bücher), andererseits die Extras (Repetitor, Urlaub, Auto, Ausgehen). Wer aus finanzieller Not heraus nebenbei arbeitet, gewinnt zwar eine Facette für den Lebenslauf sowie Reife und erste skills, verliert aber auch Fokus, Zeit und Energie. Die Finanzierung von Studium und Referendariat durch die Eltern hingegen ist eine enorme Unterstützung, gute Leistung zu erbringen. Es sorgt für soziale Stabilität, denn Jobsuche und Existenzsorgen spielen keine Rolle und auch das Markenhemd oder die bestimmte Handtasche für das Schaulaufen in der Bibliothek kann man sich noch leisten. Man kann sich voll auf Klausuren, Hausarbeiten, Stationen und Examina konzentrieren. Die Wahrscheinlichkeit, das Studium besser, zumindest aber schneller abzuschließen, ist deutlich erhöht. Finanzielle Mittel in Kombination mit „Vitamin B“ ermöglichen zudem schillerndere Lebensläufe. Spannendes Praktikum? Wahlstation im Ausland? Kein Problem.

Bezüglich des finanziellen Hintergrunds und der väterlichen Kontakte war Thomas also gegenüber Barbara jahrelang im Vorteil. Doch es gibt vermutlich noch weitere, weitaus subtilere Unterschiede zwischen den beiden, die erst beim Einstieg in den Beruf voll zum Tragen kommen. Entsprechende Noten sind für attraktive Positionen zwar der Türöffner, doch im Bewerbungsgespräch und der späteren Auswahl sind – neben Fachkompetenzen, Noten und Lebenslauf – noch ganz andere Faktoren relevant.

Das große Plus: der Habitus

Das Elternhaus, also im Wesentlichen die soziale Herkunft und Erziehung, ist prägend für unsere Persönlichkeit. Unterschiede aufgrund von biographisch erworbenen Merkmalen zeigen sich in unterschiedlichen Ausprägungen wie etwa

• Selbstbewusstsein, Souveränität


• Auftreten (Habitus)


• Gelassenheit


• Sprache, Eloquenz


• Allgemeinbildung


• Manieren, Umgangsformen


• Vertrautheit mit Dress- und Verhaltenscodes

Soziologen konstatieren, dass gerade aus gutsituiertem Hause stammende Menschen einander an o.g. Persönlichkeitsmerkmalen erkennen („Stallgeruch“). In Bewerbungsgesprächen sorgt das für eine spontane Sympathie, das je ne sais quoi, das gewisse Etwas, welches im Zweifel den Ausschlag gibt. Dabei mag auch der cultural fit ins Feld geführt werden, wenn eine Kanzlei mit gut betuchter Mandantschaft BewerberInnen aus entsprechendem Herkunftsmilieu bevorzugt. Gleich und gleich gesellt sich eben gern. Das läuft alles weitestgehend unbewusst ab (sog. unconscious bias).

Zurück zu den beiden Juristen: Thomas, als Spross wohlhabender Akademiker mit kultureller Bildung, wird bei Gesprächen in Vorstandsetagen und auf Großkanzlei-Parkett einen Vorteil haben. Barbara hingegen hat früh gelernt, ihr Geld selbst zu verdienen und ist in einem Unternehmerhaushalt groß geworden. Dies wird ihr möglicherweise eher den Weg zu eigener Selbstständigkeit ebnen.

Wie man wird, wer man ist

Dieser Beitrag soll dafür sensibilisieren, dass Noten, Stationen und Erfolg sowie Misserfolg im Rahmen der langen juristischen Ausbildung und im Berufsleben oftmals nicht allein auf Leistung der Studierenden beruhen. Auch ein Potpourri aus ökonomischen, biographischen und sozialen Faktoren spielt stets eine Rolle. Dies zu berücksichtigen hilft einerseits Kanzleien und Unternehmen, diversity zu fördern. Andererseits ist es vielleicht für Sie, geneigte Leserinnen und Leser, interessant, einmal darüber nachzudenken, wie Ihr eigenes Elternhaus und die entsprechende Sozialisation Ihren Berufs- und Lebensweg möglicherweise mit beeinflusst haben.

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