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Gelassen durch den Kanzleistress

Als Anwalt oder Anwältin haben Sie einen stressigen Beruf, davon geht sowohl die Welt außerhalb der Juristerei aus als auch wir selbst als Juristinnen und Juristen. Nicht alles ist dabei veränderbar. Der Kanzleialltag ist geprägt von Fristen, Besprechungen, dem Versuch konzentrierter Arbeit an Schriftsätzen und dem ständig klingelnden Telefon. Und besonders die neuen Mandate sind immer gerade sehr dringlich. Wenn dagegen nicht so viele Termine anstehen oder neue Mandanten sich melden, kann auch eine solche Phase Stress verursachen angesichts der konstant weiterlaufenden Kosten. Hier kommen eine Bestandsaufnahme und drei Schritte, um immer wieder gelassen durch stressige Zeiten zu kommen.


POSITIVER UND NEGATIVER STRESS

Stress ist eine Aktivierungsreaktion des Körpers, eine Ausschüttung von Hormonen. Sie signalisieren uns, dass wir uns auf eine Belastung vorbereiten sollen und versetzen uns in Alarmbereitschaft. Dieser Zustand ist für sich zunächst neutral. Positiv oder negativ wird er durch unsere Bewertung.

Denken Sie mal an diese vollgepackten Tage, an denen ein Gespräch das andere jagt, Sie viele Aufgaben erledigen, zwischendurch mit fliegender Robe zum Gericht hetzen und immer wieder flexibel auf Unvorhergesehenes reagieren können. Am Ende des Tages sind Sie zwar ganz schön erschöpft, aber froh und Sie fühlen sich ein bisschen wie ein König oder eine Königin in ihrer Kanzlei. Solche Tage sind positiver Stress.

Und dann gibt es solche Tage, an denen Sie schon von vornherein wissen, dass Sie gar nicht alles schaffen können, was zu diktieren wäre, an denen Ihre Mitarbeiterin krank ist und Mandanten sich beschweren und dann kommen auch noch irgendwelche Faxe mit geplatzten Vergleichen oder abweisenden Urteilen und am späten Nachmittag meldet sich noch jemand, für den ein Eilantrag eingereicht werden soll. Da sind Sie abends so richtig kaputt, allerdings ohne irgendwelche Hochgefühle zwischendurch, stattdessen fühlen Sie sich eher wie ein Hamster im Rad. Solche Tage können ein Beispiel sein für negativen Stress.


FEHLER UND SCHLECHTE STIMMUNG

Stress ist sehr individuell, wir fühlen in alle anders und es ist auch sehr unterschiedlich, was als positiv oder negativ empfunden wird. Auch die Belastungsgrenzen sind sehr unterschiedlich hoch und der Zeitpunkt, an dem wir überhaupt bewusst merken, dass wir uns in einer stressigen Phase befinden. Ich habe manchmal den Eindruck, als Anwältinnen und Anwälte merken wir es recht spät. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass wir von Beginn der juristischen Ausbildung an ziemlich konstant unter Druck arbeiten und das deshalb ganz normal finden. Und schließlich können wir ja auch einiges aushalten.

Es ist gut, den Stresspegel im Blick zu behalten, besonders auch als Chefin und Chef. Denn wenn wir selbst unter Stress sind, geben wir diesen Stress häufig an unser Umfeld weiter, oft auch unbewusst. Zu viel negativer Stress aber führt zu mehr Fehlern, die Stimmung im Team sinkt und möglicherweise steigt auch die Häufigkeit von Erkrankungen. Deshalb ist es sinnvoll, den eigenen Stresslevel bewusst zu bewegen und darauf zu achten, dass wir empfundenen Druck nicht unabsichtlich ungefiltert weitergeben.


BESTANDSAUFNAHME

Machen Sie doch mal eine Bestandsaufnahme: In welchen Situationen empfinden Sie Stress? Wann entsteht positiver, wann negativer Stress? Was genau ist für Ihren Stress verantwortlich? Sind es die Mandanten? Reibereien im Team? Die Termine und Fristen der Gerichte? Manchmal vielleicht sogar Sie selbst?

Negativer Stress entsteht meistens dann, wenn wir uns als Opfer der Umstände fühlen. Senken können wir unseren Stresslevel deshalb, indem wir die eigene Selbstwirksamkeit stärken.

3 Punkte, die unsere Selbstwirksamkeit stärken und Ihnen helfen, den Stresslevel im Griff zu behalten:

1. Akzeptieren Sie das, was Sie gerade nicht ändern können

Sie können nicht ändern, wie der Gegner sich benimmt oder was die Gegnerin zur Konflikteskalation beiträgt. Wir erhalten Schreiben oder Anrufe, über deren Inhalt wir manchmal vor Ärger platzen könnten. Aber wir haben immer die Möglichkeit zu entscheiden, wie wir mit all diesen Dingen umgehen. Anstatt diese Dinge persönlich zu nehmen ist es hilfreicher, sie erst einmal einfach zu akzeptieren und sich dann eine Reaktion zu überlegen. Sie können die anderen Menschen nicht ändern, aber Sie können bewusst wählen, wie Sie selbst sich weiter verhalten.

2. Setzen Sie Ihre Energie sinnvoll ein

An stressigen Tagen ist es gut, die wichtigen Dinge nicht aus den Augen zu verlieren. Und damit sind die Dinge gemeint, die Sie selbst wichtig finden. Nicht alles, was zwischendurch passiert, ist so dringend wie es sich selbst erst einmal präsentiert. Nicht jeder Posteingang muss sofort beantwortet, nicht jeder Rückruf sofort erledigt werden. Als Anwalt oder Anwältin sind Sie Wegweiser auch für Ihr Team – wie sind die Prioritäten? Was muss wirklich geschafft werden und was kann auch am nächsten Tag noch erledigt werden? Wenn Sie das eigene Ziel aus den Augen verlieren, kann leicht ein blinder Aktionismus entstehen, mit dem Sie allem hinterherrennen. Und der gerade nicht Ihre Selbstwirksamkeit stärkt. Wir fühlen uns stärker, wenn wir agieren und nicht nur reagieren.

3. Wissen, was Ihren eigenen Speicher wieder auffüllt

So individuell wie wir Stress empfinden, so unterschiedlich sind auch die Dinge, die unsere Speicher wieder auffüllen. Was ist es bei Ihnen? Was hilft Ihnen, die Dynamik von stressigen Zeiten zu unterbrechen und immer wieder in die eigene Balance zu kommen? Vielleicht ist es echte Stille, vielleicht sind es Gespräche oder Musik. Manche können am besten in Bewegung abschalten, andere in der Entspannung. Merken Sie sich, was für Sie gut funktioniert. Und dann überlegen Sie sich eine Erinnerung, damit es Ihnen dann auch genau im richtigen Moment wieder einfällt. Das kann eine Karte auf dem Schreibtisch sein, ein Reminder im Handy oder die immer schon bereitstehenden Laufschuhe.


Nicht nur Stress geben wir weiter, auch Ihre Gelassenheit wird sich auf Ihr Team und Ihre Mandanten übertragen. Damit senken Sie den Stresslevel insgesamt und können kraftvoll auch durch turbulente Phasen steuern.


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