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© Michael | Adobe Stock

Framing für Anwälte – wie die richtige Wortwahl Verhandlungen lenkt

Der Beklagte sagt: „Es war ein Versehen.“
Der Gegner kontert: „Von wegen Versehen. Jetzt verharmlosen Sie es! Sie wussten um die Gefahr und haben trotzdem gehandelt. Das war mehr als nachlässig!“

Dieselbe Situation, zwei völlig unterschiedliche Bewertungen. Wer das Wording kontrolliert, lenkt auch die Wahrnehmung. Diese Technik hat einen Namen: Framing.

 

Was ist Framing?

Framing bedeutet, eine Information oder einen Sachverhalt nicht neutral darzustellen, sondern ihm durch gezielte Begriffe und Formulierungen einen bestimmten Rahmen (engl.: frame) zu geben. Durch geschickte sprachliche Zuspitzung wird beeinflusst, wie unser Gegenüber eine Information wahrnimmt. Die Fakten bleiben gleich, doch der Kontext, in dem sie präsentiert werden, verändert ihre Wirkung. So lassen sich Reaktionen und Entscheidungen subtil, aber gezielt steuern.

 

Sprache formt Wahrnehmung

Sprache ist nie neutral. Selbst Schweigen hat Aussagekraft. „Man kann nicht nicht kommunizieren“, sagte schon der berühmte Philosoph und Psychoanalytiker Paul Watzlawick. Umso bedeutsamer ist die Wortwahl, wo schon kleine Nuancen die emotionale Einordnung eines Sachverhalts verändern können.

Beispiele:

  • Es war ein Versehen klingt nach entschuldbarer Schusseligkeit, es war Nachlässigkeit dagegen nach vermeidbarer Pflichtverletzung und Verantwortungslosigkeit.
  • Wer einen Vergleich anbietet, sollte ihn als Vorteil rahmen, nicht als Zugeständnis: Wir ermöglichen Ihnen, das Verfahren zügig abzuschließen und Planungssicherheit zu gewinnen.“ klingt souveräner als: Wir wären bereit, auf einen Teilbetrag zu verzichten. Die erste Variante betont den Nutzen für die Gegenseite, die zweite den eigenen Verlust – und diese jeweilige Richtung bestimmt dann meist auch die weitere Verhandlungsdynamik.
  • Sie verzögerte mehrfach die Zahlung“ betont schuldhaftes Zögern, die Zahlung erfolgte später als erwartet wirkt dagegen eher neutral.
  • Aus einem massiven Regelverstoß“ wird ein einmaliger, unbeabsichtigter Vorgang. Schon verändert sich die Bewertung: Der Fehler wirkt nicht strukturell, sondern bloß

  

Bewusst, nicht manipulativ

Framing soll nicht manipulieren. Es geht nicht darum, Tatsachen zu verdrehen oder zu beschönigen, sondern bewusst die passende Perspektive zu wählen. Im Alltag funktioniert das schon im Kleinen: aus Kosten werden Investitionen, aus Streit eine Diskussion, aus einer Pflichtverletzung ein Missverständnis. „Wir haben keine Probleme, wir haben nur Herausforderungen.“ Kein Zuckerguss, sondern pointierte Formulierung.

 

Drei Tipps für die Praxis

Für Juristinnen und Juristen gilt mehr als für jede andere Berufsgruppe: Sprache schafft Wirklichkeit. Wer die Macht sprachlicher Nuancen erkennt, gewinnt an Feinsinn – und an Wirkung.

Hilfreich:

  1. Wirkungsvoll formulieren: Wählen Sie Wörter, die das Anliegen Ihres Mandanten ins beste Licht rücken, ohne zu übertreiben.
  2. Frames erkennen: Achten Sie auf wertende Begriffe in Schriftsätzen und Gesprächen.
  3. Neutralisieren: Wenn die Gegenseite einen ungünstigen Frame setzt, benennen Sie ihn und formulieren Sie aktiv einen eigenen: Sie nennen es Nachlässigkeit. Wir nennen es ein einmaliges Versehen.“ So verschieben Sie den Fokus und zeigen sprachliche Souveränität.

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