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Psychischer Druck im Referendariat

Über die Kritik am Jurastudium haben wir an dieser Stelle schon des Öfteren berichtet (vgl. zum Thema zuletzt ZAP 2025, 268). Der Studiengang Jura gilt in seiner derzeitigen Ausgestaltung als mittlerweile völlig veraltet und für die Studierenden auch angesichts der Stofffülle und der Struktur des Studiengangs als außerordentlich belastend – mit entsprechend hoher Abbrecher- und Durchfallquote. Eine vor einigen Jahren vorgelegte Untersuchung ergab, dass Jurastudierende vor der ersten Prüfung drei- bis sechsmal so häufig auffällige Depressivitätswerte aufgewiesen hatten wie eine Vergleichsgruppe.

Für die Zeit nach der ersten Prüfung – dem juristischen Vorbereitungsdienst – fehlte bislang eine solche Untersuchung. Dies hat kürzlich der Bundesverband rechtswissenschaftlicher Fachschaften e.V. (BRF) zum Anlass genommen, einmal die psychische und gesundheitliche Belastung der Referendare näher zu beleuchten. Seine Referendariatskommission führte eine bundesweite Umfrage unter Rechtsreferendar:innen durch. Ziel war es, zu erfassen, ob psychischer Druck im juristischen Vorbereitungsdienst empfunden wird, welche Ursachen und Ausmaße er hat und wie er sich konkret auswirkt. Die Ergebnisse dieser Umfrage lieferten ein erschreckendes Feedback.

Die Antworten der Befragten legen nahe, dass psychischer Druck im juristischen Vorbereitungsdienst ein weit verbreitetes und tiefgreifendes Problem darstellt. Fast alle berichteten von erheblichen Belastungen, die sowohl durch strukturelle Defizite als auch durch persönliche Herausforderungen verursacht werden. So bestätigten nahezu 92 % aller Umfrageteilnehmer, dass der juristische Vorbereitungsdienst für sie mit „erheblichem psychischem Druck“ verbunden sei. Von den weiblichen Teilnehmern gaben dies sogar 97 % an, während bei den männlichen Kollegen ein etwas geringerer Prozentsatz (83 %) betroffen war. Die empfundene psychische Belastung äußert sich bei den Referendaren auch in ganz konkreten gesundheitlichen Symptomen: So gaben 40 % der Befragten Schlafprobleme an und 16,7 % nannten Angstzustände; 11 % empfanden sogar körperliche Schmerzen und 8 % der Umfrageteilnehmer schilderten regelrechte Panikattacken.

Die Auswertung der Umfrage zeigte auch, dass die hohe psychische Belastung auf bestimmte Faktoren zurückzuführen ist, die von den Befragten als besonders belastend wahrgenommen werden. Die meistgenannten Stressoren waren:

  • Mehrfachbelastung: 33,7 % der Befragten berichten von zu vielen gleichzeitigen Verpflichtungen.

  • Prüfungs- und Zeitdruck: 24,1 % empfinden die Stoffmenge als überfordernd. 23,4 % leiden unter starkem Zeitdruck, wobei 12,6 % der Befragten angaben, zu wenig Zeit für die eigentliche Prüfungsvorbereitung zu haben.

  • Fremde und eigene Erwartungshaltung: 16,2 % empfinden psychischen Druck aufgrund der Erwartungshaltung der Ausbilder:innen, weitere 8,7 % gaben an, dass der psychische Druck durch ihre eigene Erwartungshaltung entsteht.

  • Zukunftsangst: 16 % der Befragten sehen die starke Abhängigkeit ihrer beruflichen Perspektiven von der Examensnote als besonders belastend an. Weitere 8,3 % empfinden diesen Notendruck wegen ihres eigenen Berufswunsches. Zudem nannten 8,3 % die als willkürlich empfundene Notenvergabe als zusätzlichen Stressfaktor.

  • Mangelnder Praxisbezug: 12,3 % kritisieren den fehlenden praktischen Ausbildungsanteil sowie die unzureichende Vermittlung von Soft Skills.

Daneben wurden auch eine schlechte Organisation des Vorbereitungsdienstes, negative Erfahrungen mit Ausbildern sowie finanzielle Sorgen als Gründe für empfundenen Stress genannt. Nach Auffassung der Bundesfachschaften verdeutlicht diese Vielzahl der genannten Ursachen, dass der psychische Druck im juristischen Vorbereitungsdienst nicht allein auf die bevorstehende zweite Staatsprüfung zurückzuführen ist, sondern es sich um ein strukturelles Problem des Ausbildungsgangs handelt. Die Häufung der geschilderten Symptome unter jungen Personen, die bereits ein abgeschlossenes Studium hinter sich hätten, und der Umstand, dass mehr als ein Viertel der Befragten (29,2 %) zwischenzeitlich sogar erwogen hatte, den juristischen Vorbereitungsdienst vorzeitig zu beenden, seien ein „alarmierendes Signal“; denn ein Rechtsstaat und eine funktionierende Justiz benötigten gesunde Nachwuchskräfte, so der BRF.

Die Fachschaften rufen deshalb Ausbildungsstellen, Landesjustizprüfungsämter sowie Bundesund Landesgesetzgeber dazu auf, die strukturellen Defizite des juristischen Vorbereitungsdienstes gezielt anzugehen.

Den Politikern wollen sie zusammen mit den Umfrageergebnissen konkrete Handlungsempfehlungen mitgeben:

  • Die Justizministerkonferenz wird aufgefordert, eine bundesweite, repräsentative Studie in Auftrag zu geben, die den psychischen Druck und seine gesundheitlichen Folgen systematisch untersucht. Dies könnte eine fundierte Grundlage für weitergehende Reformen schaffen.

  • Zur Unterstützung der Betroffenen seien zudem Sofortmaßnahmen unerlässlich, da angesichts der hohen psychischen Belastung und ihrer gesundheitlichen Auswirkungen ein weiteres Zögern unverantwortlich sei.

    So sollten sofort Unterstützungsangebote etabliert werden, die Bewältigungsstrategien vermitteln könnten. Zudem sollten die Ausbilder durch Schulungen sensibilisiert werden.

  • Langfristig sollte der Prüfungsstoff reduziert werden; zudem müssten die Arbeitsgemeinschaften strukturell verbessert werden.

  • Für die Prüfungen sollte eine verdeckte Zweitkorrektur eingeführt werden, um eine objektivere Bewertung zu gewährleisten.

    Auch sollte den Referendaren mehr Zeit zur intensiven Prüfungsvorbereitung eingeräumt werden (sog. „Tauchstation“). Nicht zuletzt sollte eine Unterhaltsbeihilfe geleistet werden, die der Höhe nach geeignet ist, einen ausbildungsangemessenen Lebensunterhalt der Referendare zu sichern.

Die vollständigen Untersuchungsergebnisse des Fachschaftsverbandes können unter https://bundesfachschaft.de/wp-content/uploads/2025/04/Psychischer-Druck-im-juristischen-Vorbereitungsdienst.pdf abgerufen werden.

[Quelle: BRF]

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