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Zusätzliche Kompetenz: Unsere Intuition

„Bei neuen Mandaten habe ich sofort ein Gefühl dafür, ob die Sache etwas wird oder nicht,“ sagte neulich eine Kollegin zu mir. Ohne überhaupt alle Unterlagen schon gesichtet zu haben, würde ihr ihre Intuition verraten, ob ein rechtliches Vorgehen erfolgreich ist oder nicht. Kann das sein? Und ist dieses Gefühl eine gute Grundlage dafür, Entscheidungen zu treffen wie zum Beispiel über die Annahme eines Mandates?

Intuitive Entscheidungen zu treffen, ist nicht gerade etwas, das unseren Alltag auf den ersten Blick beherrscht. Vielmehr sind wir darauf trainiert, rechtlich oder tatsächlich chaotische Situationen rational zu bewerten, Risiken abzuwägen, Beweise für die ein oder andere Variante der Wirklichkeit zu sammeln und so auf einem festen Fundament vernünftiger Erwägungen gute Entscheidungen zu treffen oder zu ermöglichen. An vielen Stellen ist das sicherlich genau richtig und doch ist es nur ein Teil dessen, was wir können. Denn unser Gehirn kennt verschiedene Wege zu einer Entscheidung und neben dem Nachdenken über eine Sache können wir auch intuitiv zum richtigen Ergebnis kommen. Ließe sich etwas Energie sparen, wenn wir diesen zweiten Weg noch mehr für uns nutzen?

Wie immer geht es um die Balance

Manche Probleme brauchen Lösungen, die gut abgewogen sind und verschiedene, mögliche Szenarien berücksichtigen. Diese zuvor einzuschätzen haben wir gelernt. In manchen Situationen aber hält es uns nur auf, wenn wir allzu lange in wiederkehrenden Gedankenspiralen prüfen und überprüfen. In alltäglichen Angelegenheiten verkomplizieren wir die Sache unnötig, wenn wir allzu sehr rational abwägen, beginnend bei der Auswahl eines Gerichtes auf der Speisekarte über die Farbe des Kanzleilogos bis zur Frage, ob ein Mandat angenommen wird oder nicht.

Und es gibt Situationen, in denen wir bei aller Perfektion des rationalen Denkens auf unsere Intuition angewiesen sind. Das ist immer dann, wenn über die Konsequenzen bestimmter Entscheidungen Unsicherheit herrscht. Wenn wir nicht voraussagen können, was passieren wird und deshalb eine andere Grundlage für unsere Entscheidung benötigen.

Vorsicht Falle: Ist sie es wirklich – die Intuition?

Es ist manchmal gar nicht so leicht zu erkennen, ob irgendein Bauchgefühl, das wir haben, nun unsere Intuition ist, die zu uns spricht oder etwas anderes. Denn es kann auch Angst sein, die uns vor einer bestimmten Entscheidung zurückschrecken lässt. Oder das sogenannte Bauchgefühl ist einfach eine Ausrede vor uns selbst, weil wir den Aufwand scheuen, die Veränderung oder den Schritt aus der Komfortzone. Woran erkennen wir unsere Intuition also?

Der Ursprung des Wortes Intuition kommt aus dem lateinischen Wort „intueri“ und das bedeutet „genau hinschauen“. Erstmal scheint das ein Widerspruch zu sein, denn es geht ja gerade um die schnelle Entscheidung aus dem Bauch heraus und nicht um das sorgfältige Nachdenken. Auf den zweiten Blick ist dieser Ursprung ein Hinweis darauf, was mit Intuition gemeint ist - und das wiederum ist für rationale Seelen beruhigend: Auch die Intuition schaut genau hin, nur anders.

Sie nutzt all das, was wir schon erfahren und gelernt haben, sie greift also auf einen ganz schön großen Fundus von Daten zurück und berücksichtigt auch unbewusste Bedürfnisse, Erinnerungen und Wissen. Da sind auch Dinge dabei, auf die wir beim Nachdenken gar nicht kommen. So gesehen ist die Intuition nicht die schlechtere Grundlage für Entscheidungen, sondern eine wertvolle zusätzliche Kompetenz.

Wenn wir Angst haben, merken wir das häufig auch an körperlichen Reaktionen, an einer Nervosität, an Fluchtreflexen oder einer Erstarrung, vielleicht auch an Magenschmerzen. So etwas fühlt sich anders an als ein sicheres Gefühl für eine bestimmte Entscheidung. Das merken wir, wenn wir uns beobachten. Und wenn wir uns lediglich selbst etwas vormachen, werden wir uns bei einem ehrlichen Blick auf unsere Bedenken wohl ebenfalls entlarven. Die Intuition kommt - so schnell sie auch ist - mit einem ruhigen, sicheren Gefühl daher.

Die Intuition trainieren

Beobachten

Beobachten Sie Ihre Intuition ein bisschen. Fragen Sie Ihr Bauchgefühl mal bewusst zum Beispiel im Erstgespräch, was es sagt. Wägen Sie dann mit Ihren normalen Methoden ab und vergleichen Sie, ob Sie zum gleichen Ergebnis kommen. Sie werden nach und nach diese Stimme nicht mehr überhören und immer mehr Vertrauen entwickeln – auch in die schnellen Entscheidungen, die Ihr Gehirn entwickelt. Sie werden immer bewusster entscheiden können, ob gerade das rationale Denken oder Ihre Intuition der wichtigere Part ist.

Ausbauen

Bei welchen Entscheidungen lassen Sie es leicht darauf ankommen, nicht ausgiebig rational abgewogen zu haben? Bei Ihrer Kleidung? Dem Mittagessen? Beim Kennenlernen neuer Menschen? Wie alles, was wir lernen oder zu nutzen lernen, können wir auch hier unseren Kreis erweitern und immer mehr Entscheidungen immer schneller treffen. Das kommt unserem Gehirn entgegen, das nicht immer nur den Bereich des rationalen Nachdenkens nutzen möchte, sondern auch den instinktiven, schnellen Teil. Das können wir unseren Denkapparaten ruhig gönnen, auch wenn wir es gewohnt sind, dass es anstrengend ist und manchmal sogar glauben, es gehört eben auch so und muss immer anstrengend sein.

Aus Beispielen lernen

Vielleicht erinnern Sie sich auch an eine Situation, in der Sie mal nicht auf Ihre innere Stimme gehört haben und im Nachhinein feststellen mussten, dass sie Recht hatte. Wir haben sicher alle schonmal einen Fall angenommen, bei dem wir kein gutes Gefühl hatten, aus irgendwelchen Abwägungen heraus aber trotzdem für die Mandantschaft losgezogen sind. Meist kosten solche Akten mehr Energie, als dass sie irgendjemanden weiterbringen. Manchmal behindert uns das Handeln gegen die Intuition.

Nach sorgfältiger Abwägung sage ich deshalb: Sie kann uns sehr unterstützen, unsere innere Stimme. Es ist schlau, sie zu trainieren, ihr Raum zu geben und sie immer dann einzusetzen, wenn die Pro- und Contra-Listen nicht oder nicht genauso schnell zum Ergebnis führen. Auch bei der Annahme von Mandaten.

 

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