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Workaholics – zwischen Begeisterung und Zwang

Eine dieser Schubladen, in denen die Anwaltschaft steckt, ist die der „Workaholics“. Wir sind bekannt dafür, rund um die Uhr zu arbeiten und das wird zwar allgemein als nicht besonders gesund angesehen, gleichzeitig aber auch mit irgendeiner Art von Hochachtung betrachtet – was für eine Motivation und Leistungsbereitschaft! Ganz besondere Leute! Das betrifft nicht nur Kolleginnen und Kollegen in Großkanzleien, die regelmäßig „Allnighter“ hinlegen und also nicht nur bis spät abends im Büro arbeiten, sondern gar nicht mehr nach Hause gehen und stattdessen die Sonne vor dem Bürofenster aufgehen sehen. Es betrifft auch die Anwaltschaft in mittelständischen Kanzleien oder solche, die in Einzelkanzleien tätig sind. Immer etwas zu tun, immer erreichbar, viele Fäden gleichzeitig in der Hand und immer bereit für die Extrameile.

Im allgemeinen Sprachgebrauch ist das Bild der „Workaholics“ also etwas diffus, es ist gleichzeitig positiv und negativ besetzt und häufig auch mit einem scherzhaften Unterton gebraucht. Ursprünglich entstanden ist der Begriff allerdings im Rahmen wissenschaftlicher Untersuchungen, die einen Vergleich gezogen haben zwischen dem Verhältnis, das einige Menschen zu ihrer Arbeit haben und dem Verhältnis von Alkoholikern zum Alkohol. Das ist aber nichts, was alle betrifft, die viel arbeiten und von sich oder ihrem Umfeld als „Workoholic“ bezeichnet werden.

Was macht also den Unterschied?

Eine von der Hans-Böckler-Stiftung geförderte und jetzt veröffentlichte Studie hat sich in den letzten Jahren mit suchthaftem Arbeiten beschäftigt und dafür 8000 repräsentative Erwerbstätige zu ihrem Arbeitsverhalten befragt (Berk, Beatrice van, Ebner, Christian and Rohrbach-Schmidt, Daniela. „Wer hat nie richtig Feierabend?: Eine Analyse zur Verbreitung von suchthaftem Arbeiten in Deutschland“ Arbeit, vol. 31, no. 3, 2022, pp. 257-282. https://doi.org/10.1515/arbeit-2022-0015).

Sie unterscheidet zwischen engagiertem Arbeiten einerseits und einem suchthaften Arbeitsverhalten andererseits. Wo würden Sie ihre Arbeitsweise spontan einordnen?

Arbeitssucht in der Juristerei

Spoiler: Unter den Befragten, die dem Bereich Recht zugeordnet wurden (gemeinsam mit Unternehmensorga, Buchhaltung und Verwaltung), arbeiten 10 % suchthaft. Das sind weniger als die 19 % der (wenigen) befragten Landwirte, aber einer der höheren Werte der übrigen Berufsgruppen. Bei Selbständigen wird suchthaftes Arbeitsverhalten öfter angetroffen als bei Angestellten, auch Führungsverantwortung lässt die Prozentzahl der Betroffenen ansteigen.

Gradmesser: Die gefühlte Lebensqualität

Wir haben einen wunderbaren Beruf, einen freien sogar und einen, der viel Gestaltungsmöglichkeiten lässt für den Ausdruck der eigenen Werte und Persönlichkeit. Wir haben die Möglichkeit, engagiert zu Arbeiten und für viele ist dieses Engagement ein wichtiger Teil des Lebens, der zur Zufriedenheit und zu einem erfüllten Lebensgefühl beiträgt. Wie bei allen positiven Phänomenen kann auch dieses umschlagen in ein negatives. Merken können wir es daran, dass die Zufriedenheit mit dem eigenen Leben abnimmt und sogar gesundheitliche Probleme auftauchen.

Selbsttest

Gefragt wurden die Teilnehmer:innen danach, wie exzessiv sie arbeiten und danach, wie getrieben sie dabei sind und genau dieses Getriebensein macht auch die Grenze aus zur Sucht. Die für die Studie verwendeten Fragen können Sie für einen kleinen Selbsttest nutzen:

  • Sind Ihre Arbeitszeiten sehr lang? Arbeiten Sie weiter, wenn die Kolleg:innen schon im Feierabend sind und verbringen insgesamt mehr Zeit mit der Arbeit als mit Freizeitaktivitäten?
  • Arbeiten Sie sehr schnell?
  • Arbeiten Sie meistens an vielen Dingen gleichzeitig?
  • Arbeiten Sie auch dann hart, wenn es Ihnen eigentlich gar keinen Spaß bringt?
  • Haben Sie ein schlechtes Gewissen, wenn Sie sich freinehmen?
  • Können Sie in Ihrer Freizeit gut abschalten?

Als suchthaft wird das Arbeiten angesehen, wenn sowohl exzessiv als auch zwanghaft gearbeitet wird. Viel und dabei gelassen zu arbeiten, fällt also nicht darunter, zwanghaft aber wenig zu arbeiten auch nicht.

Achtung Falle

Süchte zeichnen sich dadurch aus, dass sie sich einschleichen ins Leben und dass Betroffene sie meistens als Letzte selbst bemerken. Somit hat der kleine Selbsttest eine begrenzte Aussagekraft, er kann aber unser Bewusstsein schärfen. Genießen Sie es, viel zu arbeiten? Dann machen Sie ruhig weiter. Kosten Sie das Hochgefühl aus, wenn der über das Wochenende in der Kanzlei vorbereitete Schriftsatz zum Erfolg für die wichtige Mandantschaft führt oder Sie mit dem akribisch nachts vorbereiteten Plädoyer viel Anerkennung erhalten.

Passen Sie gleichzeitig gut auf sich auf! Vielleicht haben Sie auch eine Kollegin oder einen Kollegen in Ihrem Umfeld, mit dem Sie verabreden können, sich gegenseitig darauf aufmerksam zu machen, wenn das Engagement ins zwanghafte zu kippen droht. Wenn Sie merken, dass ihr Arbeitsverhalten schon außer Kontrolle ist, wenn zu viel Belastung zur Gewohnheit wird, holen Sie sich unbedingt professionelle Hilfe. Damit sie nicht erst bei dem berühmten Schuss vor den Bug wach werden und dann eine komplette Kehrtwende vollführen müssen, sondern ihre engagierte Arbeit als Teil eines zufriedenen Lebens genießen können.

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