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Warum sind Sie denn krank?!

Jede*r Superheld*in braucht sie, verliert ohne sie den Lebens-Daseins-Berechtigungsschein: die fiese Weltverschwörung.

Meine heißt „Krankheits- und Urlaubsfälle“.

Nein, ich meine nicht die menschlich und gesetzlich zugestandenen Rechte getreuer Weggefährten, in Kanzleien besser bekannt als „Mitarbeiter“. Ich meine diese Rechts-Fälle, die mir den Kampf ansagen, indem sie just dann virulent werden, wenn Fernweh- oder Erkältungsviren es auch gerade sind. Dann – und nur dann – sagt mir die fiese Weltverschwörung den Kampf an. Das geht ungefähr so:

Fiese Weltverschwörung, Erscheinungsform #1

Ich Superheldin liege den zweiten Tag mit einem richtig fiesen Exemplar der Gattung Erkältungsvirus im Clinch, da piepst das Klingeldings neben mir. Eine Textnachricht. Ob ich mal eben … also wegen der Sache, über die wir neulich gesprochen hatten …

Ich greife den Störenfried und texte schüttelfrostig zurück, mein Rechtsrat sei derzeit nicht keimfrei verpackt und somit nicht zum Verzehr geeignet. Ich sei nämlich krank.

„Krank?“ echauffiert sich der Mandant nur einen Nieser später. „Warum sind Sie denn krank?“ Ja, warum denn nur? huste ich schniefend gen Himmel. Es piepst zurück – leider das Klingeldings, nicht der Himmel. Ich brauche bloß fieberbedingt etwas, das zu begreifen.

„Es ist wirklich wichtig.“ Hundedackelblick-Herzchen-Herzchen Bilder folgen. Mein Superheldinnen-Gen ist aktiviert. Der Rest kapituliert.

„Ok. Muss nur noch kurz die Welt retten“, kalauere ich hilflos und gurgele schon mal für den Rückruf.

Fiese Weltverschwörung, Erscheinungsform #2

Abgeschirmt und fern der Heimat, nach wochenlanger, mühevoller Vorarbeit dem Alltagstrott endlich entflohen, sitze ich am Strand und lasse Superheldinnenfüße und -seele baumeln. Im Sand vor mir vibriert etwas. Das private Handy, wohlgemerkt, ich bin ja nicht blöd. Der Blick auf das Unvermeidliche bestätigt: das Büro bittet dringend um Rückruf.

Da ist sie, die nächste Herausforderung meiner Weltverschwörung. Denn natürlich ist gerade jetzt beim Mandanten A Mitarbeiter C auf Abwege geraten. Nicht, dass der nicht seit Monaten immer wieder Diskussionsgegenstand gewesen wäre – nein, jetzt, aber auch wirklich jetzt, keine Sekunde früher oder später, braucht es – mich.

Der Verdacht

Es sind gerade keine böswilligen Menschen, diese Mandanten mit ihren Krankheits- und Urlaubsfällen. Es sind wundervolle, langjährige Partner meines Kanzleibetriebes, und wenn ich am ersten Weihnachtsfeiertag ein kaputtes Auto habe, mein Rechner oder die Rollladen nicht mehr wollen, eilen sie mir umgehend zur Hilfe.

Diese Menschen sind also – so meine Theorie – lediglich Opfer dieser fiesen Weltverschwörung geworden, die dafür sorgt, dass diese wertvollen Menschen just dann meine Hilfe brauchen, wenn … na, eben genau dann.

Zur Hilfe …? Oder nicht?

Ist doch irgendwie auch schön, erinnert mich mein großes Herz. Es braucht mich. Ich darf (mal wieder) die Welt retten. Dass ich das mag, wussten angeblich alle anderen lange vor mir und rieten zur im Juridicum zu absolvierenden Superheldinnen-Spezialausbildung made in Germany. Damit versehen rette ich nun schon über ein Jahrzehnt meinen Mandanten die Rechts-Welt in Dauerschleife. Familie, Freunde, Bekannte – sie alle kennen mich nicht anders.

Also raffe ich mich auf und rufe mir zu: „Wer, wenn nicht ich? Wenn nicht jetzt, wann dann? Chaka, ich kann …“

„… es ganz gut auch mal sein lassen.“ So fahre ich den größten Sieg ein, den mein Superheldinnendasein kennt: den über die fiese Weltverschwörung und ihr für mich erdachtes Kryptonit. Auf die „Krankheits- und Urlaubsfälle“ hereinzufallen sorgt nämlich dafür, dass meine Kräfte alsbald kräftig nachlassen. Und dann, finde ich, bin ich mein Helden-Honorar nicht einmal mehr halbwegs wert. Ich brauche Ruhe und Erholung, um mich wieder aufzuladen. Für die Aufladezeit gibt es – so schwer es mir Superheldin auch einzugestehen fällt – tatsächlich tausend andere Superheld*innen. Gesunde und erholte, noch dazu. Sie heißen Kolleg*innen. Eine*r ist immer da, die Welt zu retten.

„Nicht mit mir!“, rufe ich der ominösen Weltverschwörung also entgegen, bevor ich den heißen Kopf wahlweise auf das Kissen oder das Strandlaken zurücklege und meinen Sieg genieße. Triumphale Schlussmusik. THE END. Abspann-en.

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