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Wann hat man eigentlich „Karriere gemacht“?

Karriere – was ist das eigentlich? Ursprünglich war damit nur die berufliche Laufbahn (der „Lebenslauf“) gemeint, doch mittlerweile fällt der Begriff „Karriere machen“ eher im Zusammenhang mit der Beförderung von Angestellten. Wer sich auf der „Karriereleiter“ nach oben gearbeitet hat, hat’s geschafft: mehr Macht, gesteigertes Ansehen, beeindruckendere Titel. Die Karrierelaufbahn korreliert dabei in der Regel mit wirtschaftlichem Aufstieg. Mehr noch: „Karriere machen“ scheint untrennbar mit einem überdurchschnittlich hohen Gehalt verknüpft.

Jenseits von Angestelltenhierarchien – in der Selbstständigkeit – ist dies jedoch differenzierter zu bewerten. Der klassische Karrierebegriff greift hier nicht, da viele sich nicht vorrangig wegen potentieller Verdienstmöglichkeiten selbstständig machen, sondern weil sie Unabhängigkeit und freie Gestaltungsmöglichkeiten schätzen.

Karrieren von Angestellten und Selbstständigen: Geld oder Leben?

Sophie ist angestellte Anwältin in einer renommierten Kanzlei, wo sie 120.000 EUR verdient. Besonders glücklich ist sie in ihrem Job jedoch nicht. Sie arbeitet regelmäßig etwa 70 Stunden pro Woche und würde dies gern öfter remote von der Wohnung ihrer alternden Eltern aus tun. Mit ihrem Chef ist das Verhältnis jedoch nicht allzu herzlich und er betont gern, dass er seine Mitarbeiter lieber persönlich in der Kanzlei sieht.

Matthias ist Inhaber einer kleinen Kanzlei. Er genießt sein selbstbestimmtes Arbeitsleben, sitzt dabei gern im heimischen Garten und nimmt das Laptop auch mal mit in den Urlaub. Sein Arbeitspensum hat er zugunsten regelmäßiger Fernreisen reduziert. Sein Einkommen liegt bei etwa 60.000 EUR.

Nach dem traditionellen, aufstiegsbezogenen Karrierebegriff würde man sagen, Sophie hat’s geschafft: angesehene Kanzlei, gutes Gehalt, Sicherheit. Doch ihr Entscheidungsspielraum ist begrenzt und die Atmosphäre im Büro nicht allzu herzlich.

Matthias hingegen kann sämtliche Entscheidungen allein treffen; sei es, wieviel er arbeitet, welche Mandate er annimmt oder wo er sie bearbeitet. Das ist genau die Art von Arbeitsleben, die er sich wünscht.

Dies zeigt: Wenn Angestellte in eine finanziell attraktive Position aufsteigen, sich in dem Unternehmen aber unwohl fühlen, fällt es schwer, das noch als „Karriere machen“ einzustufen. Einfach, weil ihnen – im Gegensatz zu den Selbstständigen – meist der Gestaltungsspielraum fehlt. Da relativiert sich ein gutes Gehalt schnell.

Voll Bock auf Montag! – Karriere neu denken

Es ist an der Zeit, den klassischen Karrierebegriff von Einkommenshöhe und Angestelltenhierarchien zu entkoppeln oder zumindest, ihn um weitere Parameter zu ergänzen.

Die Arbeitswelt ändert sich. Galt es früher als loyal und angesehen, jahre- oder gar jahrzehntelang in einer Firma zu bleiben, so wird das von den Generationen Y und Z zunehmend mit fehlender Flexibilität und einer gewissen Eingefahrenheit gleichgesetzt.

An Relevanz und Achtung gewinnen im Arbeitsleben zunehmend Faktoren wie Selbstbestimmung und Entscheidungsfreiheit, Mut und Risikobereitschaft, „Work-Life-Balance“, örtliche und zeitliche Flexibilität sowie intrinsische Motivation. Je mehr dieser Faktoren in einem Angestelltenverhältnis gegeben sind, desto zufriedener ist der/die Angestellte.

Und ist es nicht ein erstrebenswertes Karriereziel, am Montagmorgen motiviert und entspannt zur Arbeit zu fahren? Selbstverständlich ist auch ein hohes Einkommen attraktiv, nützt aber dann doch am Ende denkbar wenig, wenn es aufgrund suboptimaler anderer Faktoren eher zum Schmerzensgeld verkommt.

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