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Von Torten und Schnittchen – Wie ein Lebensweg-Schlenker zum Berufsjoker wurde

Nur, um gleich jeden Anfangsverdacht zu zerstreuen: Ich werde mich an dieser Stelle NICHT abfällig über Kolleginnen äußern. Nein, die „Torten“ und „Schnittchen“ dieses Textes sind ganz ordinäre Lebensmittel bzw. Zeichnungen davon.

Zeichnungen, die mir schon mehr als einmal den – Achtung, jetzt doch! – metaphorischen Hals gerettet haben. Dann triumphiere ich (ausnahmsweise und still) über all‘ jene, deren Lebensweg sie ohne Umwege in den ministerialen Prüfungssaal des zweiten Staatsexamens geführt hat.

Meiner machte einen Schlenker. Nach der Abschlussprüfung meiner Ausbildung war mir nicht mehr nach Zahlen und Paragrafen, Menschen waren mir näher gerückt. Und so fuhr ich – ironischerweise geradeaus – zu meinem Schlenker an der juristischen Fakultät vorbei, rechts ab, geradewegs (!) in die Erziehungswissenschaft. Germanistik und Geographie auf Lehramt.

Die, anfangs verschenkt empfundene Zeit bis zur Ankunft im Juridicum, ist heute eine meiner wertvollsten. Neben der Lebenserfahrung, die ich darin sammeln durfte, schnupperte ich auch Wissensvermittlungstechniken – allen voran die, die mich immer schon be-geistert hatte: Be-Greifen zum Begreifen, oder, anders ausgedrückt: Anschauung. Haptik.


„Cross-Over“-Monopoly und die Folgen

Meine erste – Achtung! Filserdeutsch – „Cross-Over-Experience“ hatte ich im Oberseminar zum Baurecht. Ein Vortrag war zu halten, es ging, grob gesagt, um das Einfügen von Bauvorhaben in die Umgebungsbebauung. Es war ein trockenes Thema. Staubtrocken. Totlangweilig, sicher am Mittwochabend, 20 Uhr, im Frühsommer, mit einer Hofgartenwiese voller Gelächter in Hörweite.

Eine Idee musste her, das Ganze aufzuwerten. Es endete mit einer Handvoll Häusern und Hotels aus meinem völlig verstaubten Monopoly-Spiel. Eine Reihe grüner Häuschen auf dem Rednerpult, den Rest an die Mit-Seminaristen verteilt, den Vortrag angepasst.

Es war ein Kracher. Jeder, aber auch jeder, machte den Spaß mit, nach meiner Anweisung passende und unpassende Straßenzüge zu basteln und rechtlich zu beurteilen. Am Schluss ging jemand grünes und graues Papier holen, damit wir das Thema auf Innen- und Außenbereiche ausweiten konnten.

Ich war angefixt. Danke, Maria Montessori!


Torten aus Knete und Papier

Die Häuser und Hotels brauche ich heute nicht mehr so oft. Häufiger schon die „Geburtstagskuchen aus Knete“-Box meines Sohnes. Sie ist (abgesehen von den schon einmal erwähnten Donauwellen einer Mandantin) meine liebste Torte. Notfalls reichen mir aber auch ein Blatt und ein Stift, eine aufzumalen. Zur Deko genügen dann Cent-Münzen oder was immer ich in Reichweite habe.

Schon eine Idee, was ich damit anfange?

Natürlich. Sie werden es alle nicht viel anders machen, wenn Sie Menschen das Prinzip „Vermögen des Erblassers“ und „Erbquoten“ erläutern. Ob Sie nun Deko-Kirschen-Nießbrauchsrechte einfügen (drauf auf´s Tortenstück) oder löschen lassen (runter damit) wie ich, oder ob Sie da andere Ideen haben – völlig egal.


„Hilf mir, es selbst zu tun!“

Hauptsache, Sie helfen Ihren Mandanten, es selbst zu tun. Spätestens, wenn bei einer Beratung der Mandant/die Mandantin die „Torte“ von mir einfordert, um selbst zu basteln – sprich: den eigenen Vorschlag zu unterbreiten – bin ich in Sicherheit.

Ja, richtig. In Sicherheit. Denn abgesehen von der entspannten Atmosphäre, die das Ganze schafft, schaffe ich mir damit auch die Sicherheit, dass ein komplexes rechtliches Thema tatsächlich durchdrungen wurde, mir also nie der Vorwurf „Das habe ich damals so nicht verstanden“ entgegengehalten werden kann.

Wer den Artikel „Wofür bezahle ich Dich eigentlich?“ gelesen hat, der weiß, wie wichtig die Akzeptanz der Leistung auch für die Akzeptanz der dafür zu begleichenden Rechnung ist. Eine weitere Sicherheit, die ich mir spielerisch erschaffe.


Bausteine staunen

WEG-Recht geht mit dem Puppenhaus, Verkehrsrecht wird seit jeher mit Streichholzschachtel-Autos nachgestellt. Oder auch mit fränkischen Plastikfiguren mit Helm-Frisuren.

Es gibt Millionen Wege, dieses oft so abstrakte, komplexe und dem Gerechtigkeitssinn des Laien oft widersprechende Thema „Recht“ zu vermitteln. Nutzen wir sie.


Der Lächerlichkeit preisgegeben?

Es macht mich auch nicht lächerlich, wie mir oft entgegengehalten wird. Gesellschaftsrecht erläutere ich gerne mit den Plastikbausteinen aus Böllund/Dänemark. Selbst eine Konzernstruktur wird so be-greifbar. Irgendein nettes Elternteil am Tisch kriegt es immer hin, ein Dach für mich zu konstruieren. Statt Gelächter zu ernten, werde ich oft gefragt, ob man meine Idee bei nächster Gelegenheit kopieren dürfe.

Abgesehen davon, dass es nie meine Idee war, ich nur anwende, was andere vorgedacht haben: Das Ganze ist längstens eine eigene wissenschaftliche Disziplin: „Juristische Didaktik“.

Sie bewegen sich also auf höchstem Niveau, wenn Sie mal wieder dienstlich mit Knete, einem Puppenhaus oder Bausteinen spielen. Und: Monopoly – das spielen wir doch eh‘ alle, oder?

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