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Sag‘ mal, wie ist denn das?

Ich muss es einmal öffentlich eingestehen: Ich liebe und ich fürchte diesen Gesprächseinstieg gleichermaßen. Vor allem in meiner spärlich gesäten Freizeit.

Ich bin Anwalt, ich muss das wissen. In jeder Lebenslage und zu jedem Lebenssachverhalt kann ich mich äußern, mein Wissen einbringen, ja sogar „Recht sprechen“. Ich lebe schließlich davon.

Soweit die Erwartungshaltung der Fragesteller.


Freud und Leid eng beieinander

Schön, eigentlich. Die Erwartungshaltung zeugt doch zunächst einmal von einem tiefen Grundvertrauen in unseren Berufsstand, in unsere Fähigkeiten und irgendwie ja auch in die Person dahinter. Also in mich.

Auch mag ich mich durchaus auf Diskussionen zu Recht und Gerechtigkeit einlassen. Würden sie mich nicht reizen, wären sie nicht mein Beruf geworden.

Dumm nur, dass ich bei der Vergabe des Prädikats „allwissend“ zu spät „hier!“ geschrien habe. Gut, böse Zungen attestieren mir gelegentlich, ich erweckte den Anschein, rechtzeitig genug gerufen zu haben. Aber das ist natürlich bloßer Neid.

Nein, ich kann oft genug die im mich gesetzte Erwartung nicht erfüllen. In der beschriebenen Situation auch dann nicht, wenn ich weiß, wo’s steht. Ganz davon abgesehen, dass jeder Jurist die Gefahr kennt, sich vorschnell zu mal eben so dahinerzählten rechtlichen Sachverhalten zu äußern. Schlimmstenfalls dabei auch noch unabsichtlich einen Kollegen/eine damit mandatierte Kollegin in die sprichwörtliche Pfanne zu hauen – und sei es nur mit einer, unserem Berufsstand immanenten, abweichenden Meinung.


Anfänglicher 3-Stufen-Plan zur Rufrettung

Vor die Wahl gestellt, entweder in Details einsteigen zu müssen oder mit – echtem oder vorgeblichem – Nichtwissen den eigenen Ruf anzukratzen, wird man kreativ.

Zu Beginn meiner Tätigkeit zielte mein erster Hinweis immer dahin, dass ich gerade „anwaltlich außer Dienst“, dann und dann aber sicher wieder im Büro erreichbar sei. Garniert mit einem möglichst breiten, freundlichen Grinsen, versteht sich.

Weniger empathischeren Menschen genügte zumeist der darauffolgende Hinweis, dass guter Rat in diesem Fall teuer sei, und er/sie ja selbst darauf hingewiesen habe, dass ich mein Geld damit verdiene.

Beharrlichen „Ja, aber sag‘ doch mal“-Menschen bot ich an, ihnen das angeblich genau zu ihrer Frage existierende 1.500 Seiten-Fachbuch zum Durcharbeiten auszuleihen, um meine Antwortzeit zu verkürzen.

Das war soweit ganz ok.


Planänderung

Im Laufe meiner Tätigkeit wurde mir allerdings immer bewusster: Solche Erwartungen treffen nicht nur den Juristenstand – bei weitem nicht.

Ich erinnere mit breitem Lächeln an ein festliches Abendessen in großer Runde, bei der der anwesende Zahnarzt diversen Herrschaften in den (hastig geleerten) Mund blicken durfte, um den zugehörigen Menschen Fragen zur Zahngesundheit zu beantworten.

Auch mein Vater kann als Arzt schon seit Studienzeiten in aller Seelenruhe weiteressen, während seine Umgebung mehr oder weniger appetitliche Krankheiten en gros et en detail vor ihm ausbreitet.

Jeder Lehrer und Pädagoge erhält im Millisekunden-Takt Berichte über die schulische Entwicklung aller Sprösslinge seiner Umgebung und soll sich dazu äußern.

Auch den Handwerkern unter uns geht es nicht viel anders.


Strategieänderung

Seit mir das bewusst geworden ist, ist der 3-Stufen-Plan zum Notfallplan geworden. Werde ich nun einmal unangemessen nach meiner beruflichen Meinung gefragt, ziehe ich die Augenbrauen bis an den Haaransatz hoch und kontere, ohne auf die Vorfrage einzugehen, „Sag‘ mal Du bist doch das und das. Wie ist das denn, wenn …?“

Sie glauben gar nicht, wie schnell das wirkt.

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