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Der Corona-Effekt – die forcierte Entschleunigung

Früher tickten die Uhren noch anders. Da sprach man einer Person, die man telefonisch nicht erreichte, auf den Anrufbeantworter. Das ließ ihr einen recht großzügigen Spielraum für die Beantwortung der Nachricht. Doch ab Ende der 90er Jahre wurde unsere Kommunikation von Jahr zu Jahr schneller, denn es kamen E-Mails, SMS und Social Media dazu und mittlerweile werden Textmessages geradezu inflationär oft verschickt. Eine wahre Nachrichtenflut! Das hat auch unser Inneres verändert.

Zwei blaue Haken! Warum antwortet er nicht?

Es hat sich eine Art Anspruchsdenken etabliert. Lesebestätigungen und „zuletzt-online“-Anzeigen erzeugen bei vielen Menschen Ungeduld und Erwartungshaltung: „Da sind zwei blaue Haken an der WhatsApp-Nachricht, sie wurde also vom Empfänger gelesen. Warum antwortet er denn nicht?“ Heutzutage ist fast schon beleidigt, wer nicht binnen kurzer Zeit eine Antwort auf seine Nachricht bekommt. Und wer eine E-Mail erst Stunden später beantwortet, sieht sich fast zu einer Entschuldigung genötigt.

Uninteressant? Wisch und weg!

Wir leben in einer sich immer schneller verändernden Welt und besitzen die Aufmerksamkeitsspanne eines Goldfisches. Unsere Ungeduld geht dabei weit über E-Mail und Messenger-Apps hinaus. Bei Instagram und Tinder wird buchstäblich weggewischt, was nicht gefällt. Urteilsbildung in Sekundenbruchteilen. Zeit zum Reflektieren? Fehlanzeige. Wer es nicht schafft, die Aufmerksamkeit des Internetnutzers zu gewinnen oder zumindest seine Ungeduld für Momente zu zähmen, geht im Content-Meer des Netzes unter.

Für langes Warten fehlt uns schlicht die Geduld. Ein Rechner, der eine Minute lang hochfährt? Undenkbar. Eine Website, die erstmal sekundenlang lädt? Lässt Interessenten reihenweise wegklicken. Schließlich kostet das ja unsere kostbare Lebenszeit. Alles soll in wenigen Klicks schnell und unkompliziert verfügbar sein – ob Lebenspartnerin oder Weihnachtseinkauf. Und auch die Warenlieferung soll möglichst pronto sein. Bei Amazon am nächsten Tag, bei den neuen Supermarkt-Lieferdiensten gar binnen 10 Minuten.

Corona – Entschleunigung wider Willen

Doch die Medaille hat zwei Seiten: einerseits fehlt uns die Geduld, andererseits wollen wir auch den Ansprüchen unseres Umfelds gerecht werden. Unter wachsender Anspannung müssen wir mit der Digitalisierung Schritt halten, dem Zeitdruck begegnen und mit der Erwartungshaltung von uns selbst und anderen umgehen. Das stresst. In den letzten zehn Jahren hat sich daher eine Art neues Bewusstsein etabliert. Es gibt verschiedene Ansätze für eine zeitweilige Entschleunigung von Körper und Geist, wie etwa Digital Detox, Fastenwochenenden, Mutter-Kind-Kuren, Aufenthalte im Schweigekloster, Slowfood, Yoga oder Sabbaticals. Doch das war noch Alles freiwillig.

In 2020 kam schließlich Corona und führte zu erzwungener Entschleunigung und Beschränkung. Der Lockdown schuf Zeit und Raum für Innehalten und Reflexion. Verringerte Kontakte zu unseren Mitmenschen führten zu mehr Besinnung auf uns selbst. Wir lernten, vermeintlich Selbstverständliches, das uns temporär genommen wurde, wieder richtig zu schätzen – sei es die eigene Gesundheit, mit Freunden Essen zu gehen oder zu reisen. Die Reduzierung von Auto-, Flug- und Schiffsverkehr führte zu einer gewissen Regeneration der Natur. Die Luft, die wir morgens auf dem Balkon einatmeten, war deutlich frischer und das Wasser in venezianischen Kanälen klarte auf.

Die Pandemie birgt aber auch Ungewissheit. Sie ist nicht sichtbar, ist nicht greifbar und die Gefahr scheint – gerade in den warmen Sommermonaten – eher abstrakt. Doch immer mal wieder bremst sie uns aus. Wie lange noch? Das vermag keiner zu prognostizieren. Unplanbarkeit. Wir müssen lernen, damit umzugehen. Doch wie haben die knapp zwei Jahre Corona uns verändert? Retten wir die gesteigerte Achtsamkeit in Bezug auf mitmenschlichen Umgang, Gesundheit, Schulsystem, Pflegenotstand, Digitalisierung und Kinderbetreuung ins „Neue Normal“ herüber oder wird es den Drang geben, Versäumtes schnell nachzuholen und wieder in alte Muster emsiger Geschäftigkeit zu verfallen? Die Reaktionen werden so unterschiedlich wie die Bedürfnisse der Menschen sein.

Und Sie? Welches Tempo bestimmt Ihren Alltag und geht es Ihnen gut damit? Machen Sie doch jetzt – genau in diesem Moment – mal eine Viertelstunde Pause. Holen Sie sich eine Tasse Kaffee und tun Sie einfach mal nichts, außer Kaffee zu trinken. Ganz bewusst, ganz in Ruhe.

Alles Gute!

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