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2023 – Alles super!

Der „Lockdown light“, der anfänglich nur für November 2020 vorgesehen war, ging de facto bis Herbst 2022. Dann ging Alles ganz schnell. Dank weltweiter Kooperation der Pharmaindustrie und einer Optimierung der Verteilungskapazitäten gab es Spitzenimpfstoff en masse und wer wollte, wurde binnen vier Wochen geimpft. Geschäfte, Restaurants und Clubs öffneten wieder, ein Aufatmen ging durch die Republik und das Alles bei spätsommerlichen Temperaturen. Nach all den beschwerlichen Corona-Jahren war diese plötzlich erlaubte Unbeschwertheit fast surreal.

Andreas betreute seine Mandanten mittlerweile ausschließlich virtuell. Die Bevölkerung hatte in den letzten zwei Jahren digital massiv aufgerüstet und die Kommunikation lief selbst mit Gerichten und Behörden mittlerweile papierlos und unkompliziert. Als Nachzügler hatte schließlich auch das Amtsgericht Bielefeld am 10. Dezember 2022 sein letztes Faxgerät im Rahmen eines Festakts öffentlich entsorgt.

Nach den Weihnachtsferien öffneten im Januar 2023 die Schulen wieder und die Freude war groß. Die Kinder tanzten in den Klassenräumen und die Lehrerinnen und Lehrer fielen sich mit Tränen in den Augen in die Arme. Die besondere Stimmung der ersten Unterrichtsstunden nach zwei Jahren Homeschooling wird Allen noch lange im Gedächtnis bleiben.

Dank einer Digitalisierungsoffensive der Bundesregierung (in Kooperation mit dem Silicon Valley) waren nicht nur Verwaltung und Behörden, sondern auch die Schulen großzügig mit sämtlicher Hard- und Software ausgestattet, die sie benötigten. Auf dem gesamten Schulgelände gab es schnelles, freies WLAN. Alle Schülerinnen und Schüler besaßen eigene Laptops, die sie mittlerweile souverän zu bedienen wussten. Doch in diesen ersten Wochen des Jahres 2023 blieben sie weitestgehend zugeklappt. Zu sehr genossen alle das Gefühl, endlich wieder live miteinander reden zu können.

Im Februar 2023 wurde erstmals wieder Karneval gefeiert und als gebürtiger Rheinländer hatte Andreas sich rechtzeitig ein Zimmer in einem Hotel am Kölner Rudolfplatz gesichert. Als er an Weiberfastnacht seine morgendliche Laufrunde im Stadtwald absolvieren wollte, kamen ihm schon die vollen Straßenbahnen mit kostümierten Büromenschen entgegen und an einer Baustelle ließen Handwerker Karnevalsmusik laufen. Die folgenden Tage war Köln wie entfesselt. Dass die Menschen ihren Karneval liebten, wusste er, doch so hatte er die Stadt noch nicht erlebt. Von Altweiber-Donnerstag bis Rosenmontag waren Restaurants und Kneipen durchgehend brechend voll. Die Menschen feierten lachend, trinkend und tanzend auf den Straßen, als wäre ihnen ein neues Leben geschenkt worden. Aus den Hochburgen in Mainz und Düsseldorf wurden ähnliche Szenen berichtet. Dazu schien auch die ganze Zeit die Sonne von einem blauen Himmel. Es war phantastisch.

Das Oster-Wochenende stand vor der Tür. Hamburg sollte frühsommerliche Temperaturen bekommen. Andreas und Barbara hatten am Ostersamstag einige Freunde zum Grillen und Osterfeuer in ihren großzügigen Garten geladen. Nachmittags gab es zunächst Kaffee und selbstgebackenen Butterkuchen. Die Stimmung war ausgelassen und die Luft erfüllt von Kinderlachen und Stimmengewirr.

Gegen Abend stand Andreas am Grill und wendete die Steaks. Seine alten Schulfreunde Thomas, Christian und Bettina gingen mit ein paar Bier zu ihm rüber. Thomas reichte Andreas grinsend eine geöffnete Flasche:

„Für den Grillmaster!“

„Ah, danke! Ihr könnt Gedanken lesen!“

Die vier lachten und stießen miteinander an.

„Und, habt Ihr schon Urlaubspläne?“ fragte Andreas in die Runde.

Christian legte Bettina den Arm um die Schulter. „Also wir sind ja erst letztes Wochenende vom Snowboarden aus Tux zurückgekommen. Es war unglaublich.“

„Sieht man!“ sagte Andreas lachend und deutete auf ihre braungebrannten Gesichter. „Schön! Und ich nehme mal an, es wurde ordentlich gefeiert?“

„….und zwar nicht zu knapp!“ sagte Christian augenzwinkernd.

„Ihr Schneehasen!“ sagte Thomas schmunzelnd. „Für mich geht’s kommende Woche nach Thailand. Bangkok und Koh Phangan. Ich kann Euch gar nicht sagen, wie sehr ich mich freue.“

„Klasse! Na dann: Auf die neue Freiheit!“, rief Andreas und die Flaschen klirrten.

In diesem Moment berührt jemand seinen Arm. Andreas schlägt die Augen auf. Vor ihm steht Anna. Sie hat ihre Hand auf seinen Arm gelegt. „Tut mir leid, dass ich Sie wecke, aber in 10 Minuten ist der nächste Zoom-Call. Und: Ihre Mutter rief an. Sie habe eine Einladung zum Impfen bekommen und bittet um Rückruf.“

Schlaftrunken blickt Andreas erst in das Gesicht seiner ReFa, dann zum Kalender auf seinem Schreibtisch: 19. März 2021. Ernüchterung.

„Danke, Anna. Ich bin tatsächlich eingenickt.“

„Immerhin war’s ja wohl kein Albtraum. Sie haben im Schlaf gelächelt als ich reinkam.“

„Tatsächlich? Nein, eigentlich war es sogar ein schöner Traum. Aber irgendwie auch Science-Fiction. Unglaublich. Kennen Sie sowas?“

„Na klar, doch Sie werden überrascht sein: manchmal werden Träume wahr!“

Sie zwinkert ihm zu und verlässt lächelnd den Raum.

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