Beitrag

© Viktor | Adobe Stock

Juristen und KI: Stimmen aus der Praxis

Viele Kanzleien beobachten die Entwicklung rund um KI noch aus der Distanz. Doch während Mandanten und Wettbewerber neue Werkzeuge bereits nutzen, wächst der Druck, eigene Arbeitsprozesse zu modernisieren.

Wie stark KI den juristischen Arbeitsalltag bereits verändert, welche Fehler häufig passieren und warum sich der Einstieg gerade jetzt lohnt, darüber haben wir mit der Kanzlei JUN Legal gesprochen. Die Kanzlei ist zudem Mitveranstalter unserer Webinar-Reihe „Recht trifft KI: juristische Kompetenz und praktische Anwendung von LLMs“, die Kanzleien beim Einstieg in das Thema unterstützt.

 

Warum sollten Juristen sich jetzt mit KI und LLMs beschäftigen?

Niels Gehrig: Weil sich juristische Arbeit gerade strukturell verändert: Wer heute lernt, mit KI zu arbeiten, gestaltet seine zukünftigen Arbeitsprozesse selbst, statt sie später nur noch zu übernehmen.

Florian Hackel: Da KI-Tools, bei denen LLMs ein wesentlicher Bestandteil sind, aus der Anwaltspraxis jetzt schon nicht mehr wegzudenken sind. Auch ohne KI-Experte zu sein, kann man mit soliden Grundkenntnissen bzgl. LLMs und deren Einsatz bereits signifikante Verbesserungen in der eigenen juristischen Arbeit erzielen.

Yvonne Roßmann: Jede:r sollte jetzt mit KI und LLMs starten, weil man nur über eigenes Handeln ein belastbares Gefühl dafür bekommt, was funktioniert und was nicht.

Dr. Sebastian Volk: KI verändert die Art und Weise, wie wir Informationen verarbeiten und Texte strukturieren. Wer diese Werkzeuge frühzeitig beherrscht, gewinnt massiv an Effizienz und kann sich auf die strategische Beratung konzentrieren, statt Zeit mit repetitiver Standardarbeit zu verlieren.

Dr. Sophie Garling: Wer versteht, wie LLMs funktionieren und wo ihre Grenzen liegen, kann sie effizienzsteigernd einsetzen, ohne dabei in typische Fehler zu tappen. Ein Brainstorming mit einem LLM kann helfen neue Beratungsfelder erschließen.

Annika Niemann: Da es sich um eine Entwicklung handelt, die für die Zukunft relevant sein wird und Vorteile verschafft. Ein sich damit Beschäftigen heißt ja auch, die Grenzen zu verstehen und zu wissen, wo man nicht oder nur mit Vorsicht auf die KI zurückgreifen kann/soll.

 

Welche Fehler oder Missverständnisse beobachten Sie aktuell häufig beim Einsatz von LLMs?

Volk: Das größte Missverständnis ist der Glaube, ein LLM sei eine Datenbank oder Suchmaschine; tatsächlich berechnet es nur Wortwahrscheinlichkeiten, was zu „Halluzinationen“ (erfundenen Fakten) führt. Zudem wird der Datenschutz oft unterschätzt, wenn sensible Mandantendaten ohne abgesicherte Schnittstellen in öffentliche KI-Modelle eingegeben werden.

Garling: Halluzinationen werden unter- und überschätzt. Fehlerhafte Ausgaben kann nur erkennen, wer sein Handwerk beherrscht. Aber auch eine „falsche“ Richtung der KI kann zu neuen, innovativen Ideen führen. Viele glauben, der AI Act gelte „erst später“. Tatsächlich treffen viele Pflichten schon zu, denn die DSGVO gilt schon lange!

Roßmann: Besonders problematisch finde ich pauschale Ablehnung oder Schlechtreden von KI Ergebnissen ohne Ausschöpfen aller Möglichkeiten, welche moderne KI bietet.

Niemann: Ein schwarz/weiß-Denken: KI wird verteufelt oder in den Himmel gelobt; dabei braucht es eine differenziertere Betrachtung: der Einsatz von LLMs hat ein großes Potenzial, aber es gibt Schwachstellen, die man lernen muss zu händeln.

Gehrig: Häufig wird erwartet, dass LLMs auf Anhieb perfekte Ergebnisse liefern. Gleichzeitig begegnen viele der Technologie grundsätzlich ablehnend und fühlen sich dann bestätigt, wenn sie ohne Schulung und mit unpräzisen Prompts die erwartbaren schlechten Resultate erhalten.

Hackel: Ein häufiger Fehler ist, dass ein LLM gefragt wird und wenn die Antwort nicht sofort überzeugt, wird das Tool als halluzinierender Schrott abgetan. Dabei liegt die Ursache für die mangelhafte Antwort des LLM häufig weder an schlechtem Training oder fehlender Datenlage des LLMs, sondern schlicht und einfach an Eingabefehlern bei der Frage die dem LLM gestellt wird.

 

Was passiert mit Kanzleien, die das Thema KI jetzt noch aussitzen?

Garling: Die Zukunft ist jetzt. Das Aufholen des verlorenen Verständnis kostet hintenraus viel mehr Zeit und Kapazitäten, als gleich von Anfang an am Ball zu bleiben – wie bei jedem technischen Fortschritt.

Gehrig: Sie verlieren schleichend an Effizienz, Attraktivität als Arbeitgeber und schließlich Wettbewerbsfähigkeit. Auch Mandant:innen werden künftig von Kanzleien erwarten, dass KI gezielt und verantwortungsvoll dort eingesetzt wird, wo sich Prozesse dadurch beschleunigen oder qualitativ verbessern lassen.

Hackel: Diese werden bezüglich der Geschwindigkeit in der in naher Zukunft, wenn einfachere juristische Tätigkeiten mit LLMs standardisiert werden können, nicht mehr wettbewerbsfähig arbeiten können.

Roßmann: Sie kaufen in einem Jahr doch noch ohne Plan und Ziel für viel Geld irgendein KI Tool, um sich dann so zu fühlen, als hätten sie jetzt alles getan.

Niemann: Die machen es sich schwerer als nötig – schon heute aber vor allem in der Zukunft.

Volk: Diese Kanzleien riskieren einen erheblichen Wettbewerbsnachteil durch höhere Kosten und längere Bearbeitungszeiten. Langfristig werden sie Schwierigkeiten haben, bei standardisierbaren Mandaten preislich mitzuhalten oder Talente zu binden, die moderne Arbeitswerkzeuge erwarten.

 

Gab es einen Aha-Moment, den Sie kürzlich im Umgang mit LLMs hatten?

Roßmann: Die meisten „Ahas“ habe ich, wenn ich immer wieder feststelle, dass Erkenntnisse, die gestern noch galten, heute schon wieder überholt sind und ich mich ständig anpassen muss.

Niemann: Ich hatte zu einer Rechtsfrage die KI befragt, die mir ein Urteil nannte. Bei meiner eigenen Prüfung stellte sich heraus, dass das zitierte Urteil zum konkreten Sachverhalt nicht passte – soweit noch kein Aha. Aber im Gerichtssaal zitierte die Gegenseite dann genau dieses Urteil, da dachte ich „Aha“, die Nutzung von LLMs ist also bei vielen angekommen, die gründliche Prüfung der Ergebnisse wohl weniger.

Garling: Einen „Aha-Moment“ habe ich häufig, wenn das LLM bei seiner Antwort in eine ganz andere Richtung, als von mir gedacht geht. Oft sitze ich da und denke „Aha! Das hätte ich in meinem Prompt anders formulieren oder präzisieren müssen.“

Gehrig: Aha-Momente entstehen meist, wenn man sich intensiver mit dem Prompting befasst. Dann fällt auf, wie stark sich die Qualität der Ergebnisse verändert, wenn man der KI nicht nur eine Aufgabe, sondern eine Rolle und klare Bewertungskriterien gibt.

Volk: Mein Aha-Moment war die Erkenntnis, wie präzise eine KI komplexe, widersprüchliche Klauseln in riesigen Dokumentenpaketen innerhalb von Sekunden identifizieren kann, wenn man sie mit dem richtigen Kontext füttert. Das ersetzt nicht die Prüfung, beschleunigt sie aber enorm.

Hackel: Als ich bezüglich des Einsatzes von LLM von der einfachen Bedienung von Chatfenstern auf die Arbeit mit diesen über agentische Systeme umgestiegen bin. Das war ein bisschen wie vom Kinderlaufrad auf ein leistungsstarkes Motorrad zu steigen.

 

In einem Satz: Was sollten Juristen über KI unbedingt wissen?

Gehrig: KI ersetzt nicht die juristische Arbeit und anwaltliche Verantwortung, aber sie verändert grundlegend, wie schnell und strukturiert gute juristische Ergebnisse entstehen können.

Volk: KI ist ein mächtiges Assistenzsystem zur Textverarbeitung, entbindet uns aber niemals von der Pflicht zur fachlichen Endkontrolle und der persönlichen Haftung.

Garling: KI ist gekommen, um zu bleiben. Wir bemerken mit jedem Update der Modelle enorme Verbesserungen zu bisherigen Problemstellungen – keinen Rückschritt!

Hackel: Welches der verfügbaren Tools und LLMs sie für welchen Arbeitsschritt ihres täglichen Arbeitens einsetzen sollten und dürfen.

Niemann: Es lohnt sich, sich zu trauen – solange man die Ergebnisse prüft und keine personenbezogenen Daten in die KI reinwirft, kann einem erstmal nichts passieren.

Roßmann: Wichtig ist, dass man KI mit Ziel und Wissen bedienen sollte, um das Potenzial zu nutzen.

 

Die Einschätzungen zeigen: Künstliche Intelligenz ersetzt juristische Expertise nicht, verändert aber bereits heute Arbeitsweisen und Erwartungen in Kanzleien. Wer die Möglichkeiten und Grenzen der Technologie frühzeitig versteht, kann Prozesse effizienter gestalten und neue Beratungsfelder erschließen. Entscheidend bleibt jedoch, KI bewusst einzusetzen und Ergebnisse fachlich zu prüfen – denn Verantwortung und Qualitätssicherung bleiben weiterhin beim Menschen.

Diesen Beitrag teilen

Facebook
Twitter
WhatsApp
LinkedIn
E-Mail

Unser KI-Spezial

Erfahren Sie hier mehr über Künstliche Intelligenz – u.a. moderne Chatbots und KI-basierte…