Montagmorgen, 8:30 Uhr. Der Kaffee ist noch heiß und der Posteingang schon erstaunlich voll. 27 neue Mails, drei davon als „dringend“ markiert. Offenbar haben nicht alle am Wochenende entspannt. Auf dem zweiten Bildschirm der zähe Schriftsatzentwurf (Muss heute raus!) und daneben das Handy, das alle paar Minuten vibriert. Ein Kollege steckt den Kopf durch die Tür: „Hast du kurz Zeit?“ Während der Cursor blinkt, springen die Gedanken zwischen Norm, Sachverhalt, Frist und Posteingang. Und: Hat heute nicht irgendwer Geburtstag? Alles ist wichtig. Alles gleichzeitig.
Subjektiv fühlt sich das produktiv an. Tatsächlich ist es aber geistige Überlastung. In der Lern- und Kognitionspsychologie spricht man von cognitive load. Mit anderen Worten: Anwaltsalltag.
Informationsverdichtung und ihre Folgen
„Wer viel arbeitet, schafft auch viel“ ist ein Credo, das sich besonders in Kanzleien hartnäckig hält. In der juristischen Praxis kommt aber ein weiterer Irrtum hinzu: „Viel hilft viel“ – im Mandantenbrief ebenso wie im Schriftsatz. Informationsdichte wird mit Präzision verwechselt, Umfang mit Kompetenz.
Doch ob Sender oder Empfänger: Unser Arbeitsgedächtnis ist begrenzt. Es kann nur eine bestimmte Menge an Informationen gleichzeitig verarbeiten. Wird die Kapazitätsgrenze überschritten, leiden Verständnis, Entscheidungsqualität und Merkfähigkeit.
In vielen Fällen liegt es also nicht nur an Stress, fehlender Intelligenz oder Zeitmangel, wenn wir etwas nicht begreifen oder ungewöhnlich lange für eine Aufgabe brauchen. Die schiere Informationsmenge überfordert dann unsere individuelle Aufnahmefähigkeit. Diesen Effekt beschreibt die sogenannte Cognitive Load Theory.
When form follows function: Die drei Arten kognitiver Belastung
Die Cognitive Load Theory unterscheidet drei Formen geistiger Belastung:
- die Schwierigkeit des Inhalts selbst (intrinsische Belastung), meist durch komplexe Materie wie beispielsweise einen komplizierten Rechtstext,
- die ungünstige Art der Darstellung (extrinsische Belastung), etwa durch unstrukturierte Textwüsten oder verschachtelte Argumente und
- die mentale Arbeit, die tatsächlich zum Verstehen beiträgt (lernrelevante Belastung), etwa das Filtern von Wichtigem oder das Erkennen von Mustern und Zusammenhängen.
Cognitive Load und Multitasking – die Unterschiede
Cognitive Load wird häufig mit Multitasking in einen Topf geworfen, doch hier ist fein zu differenzieren:
Die Multitasking-Debatte beschäftigt sich mit der Belastung und den Auswirkungen von ständigem Aufgabenwechsel.
Die Cognitive Load Theory hingegen fragt nicht, wie viele Dinge wir parallel tun, sondern wie viel Information unser Arbeitsgedächtnis insgesamt verarbeiten kann und welche Folgen es hat, wenn diese mentale Kapazitätsgrenze überschritten wird.
Denn: Selbst eine einzige Aufgabe kann überfordern. Beispielsweise ein Schriftsatz, der gleichzeitig Sachverhalt, mehrere Normketten, Ausnahmen und antizipierte Gegenargumente verdichtet präsentiert. In Bandwurmsätzen! Da wird nicht zwischen Aufgaben gewechselt, sondern es kollidieren übermäßig viele Gedankenelemente innerhalb einer Sache.
Multitasking ist also eine Art Sonderfall bzw. ein Verstärker kognitiver Überlastung.
Ablenkung als negativer Verstärker
Wiederholte Unterbrechungen, vibrierende Smartphones – externe Störungen erzwingen quasi Multitasking und erhöhen so die extrinsische Belastung. Wenn Sie komplexe Fälle oder Themen bearbeiten, sollten bestenfalls sämtliche Unterbrechungen zumindest für ein begrenztes Zeitfenster reduziert werden. Die Bürotür bleibt zu, das Handy stumm, das Telefon umgeleitet und der Mail-Posteingang unbeachtet. Geplante Fokuszeiten können konzentriertes Arbeiten deutlich erleichtern.
Mandantenkommunikation unter emotionaler Last
Mandanten sind häufig emotional involviert und stehen unter Druck – fast immer finanziell, teils aber auch familiär. Intensive Emotionen reduzieren ihre Verarbeitungskapazität. Wer um seine Existenz fürchtet und in dieser Situation ein Anwaltsschreiben mit hochverdichteter Fachsprache erhält, ist schnell überfordert. Die Folgen: Rückfragen, Missverständnisse oder Vertrauensverlust.
Das ist jedoch in vielen Fällen vermeidbar. Und genau hier liegt ein Teil anwaltlicher Verantwortung. Laienverständliche Kommunikation ist keine stilistische Nettigkeit und kein nice-to-have, sondern Teil professionellen anwaltlichen Arbeitens.
Struktur ist die halbe Miete
Ein Lösungsansatz zur Bewältigung geistiger Belastung lautet Chunking: Die Informationen werden nicht in einem massiven Block, sondern in kleinere, aufeinander aufbauende Abschnitte aufgeteilt. Ein Gedanke pro Satz, ein Argument pro Abschnitt.
Hilfreich sind auch klassische Eselsbrücken, bildhafte Merksätze, Skizzen, kurze Übersichten oder anschauliche Beispiele. Sie reduzieren zwar nicht die Komplexität des Stoffes, strukturieren ihn aber so, dass das Gehirn ihn besser verarbeiten kann.
Auch zeitliche Entzerrung hilft, beispielsweise bei Vorträgen. Komplexe Inhalte sollten möglichst nicht en bloc, sondern über einen längeren Zeitraum präsentiert werden.
Vermittlung entscheidet über Verständnis
Neben der Masse an Information beeinflusst auch die Kommunikationsform die kognitive Last. Nicht jede komplexe Frage gehört in eine lange E-Mail. Im Gegenteil: Vieles klärt sich effizienter im Telefonat, wo bei Verständnisproblemen direkt Rückfragen gestellt werden können.
Die richtige Mischung aus Kommunikationsart (Telefon, E-Mail, persönliches Gespräch) und visueller Darstellung (Worte, Grafiken, Bilder) kann extrinsische Belastung gerade bei komplexen rechtlichen Zusammenhängen deutlich senken. Das gilt besonders gegenüber Mandanten, je nach Thema aber auch gegenüber Kollegen. Ein langer Gesetzestext ist intrinsisch anspruchsvoll. Wird er jedoch anhand einer konkreten Fallgeschichte erläutert, bleibt die Information besser hängen. Nicht, weil der Inhalt einfacher wäre, sondern weil die Art der Vermittlung das Arbeitsgedächtnis entlastet.
Kognitive Grenzen akzeptieren und optimieren
Respektieren Sie die Grenzen Ihres Geistes. Sie brauchen einen klaren Kopf, damit Ihre Entscheidungen durchdacht sind und Ihre Argumentationsketten verstanden werden.
Die genannten Techniken können Ihnen helfen, „geistigen overload“ zu vermeiden. Reduktion bedeutet hier nicht Vereinfachung des Rechts, sondern Vereinfachung der gedanklichen Verarbeitung.
Intrinsische Komplexität lässt sich selten reduzieren, extrinsische Komplexität (fast) immer.










