Autor*in: Dr. Nadja Kobler-Ringler
Jan. 20, 2022

Vorsatz 1/22: Mensch bleiben!


Vorsatz 1/22: Mensch bleiben!

Klingt das merkwürdig? Sicher. Aber gerade erst musste ich noch einmal lernen, dass genau das für viele Berufs-Mitmenschen nicht normal ist.


Eine Hochzeitsanzeige besonderer Art

In einem der zwei beruflichen Netzwerke, in denen ich mit Profilen vertreten bin, postete jemand eine wunderbare Nachricht: Er werde heiraten. Wow, Glückwusch, alles Gute, dachte ich, und setzte meinen „like“ in der Erwartung, binnen Stunden hunderte davon unter dem Post zu finden.


Mischen verboten!

Daneben! Im Sekundentakt hagelte es Kommentare. Die meisten erhoben, hinter mehr oder weniger offen geheuchelten Glückwünschen, mahnende Zeigefinger: Das gehöre sich doch nicht, in einem beruflichen Netzwerk. Das solle schön bleiben gelassen werden, so was zu posten. Berufliches und Privates vermischen, also wirklich. Wo käme man denn da hin, wenn das jeder so mache. Da fehlte letztlich wirklich nur noch der Admin mit dem Satz „Solange du deine Postings in mein soziales Netzwerk setzt …“


Soziales Netzwerk?!

Ja, genau: Es war ein Posting in einem sozialen Netzwerk. Das ist schon dem Namen nach „sozial“. „Sozial“ sind menschliche Beziehungen. Die mögen sich in beruflichen Netzwerken auf berufliche Themen konzentrieren, aber wir bleiben hinter unseren Accounts doch Menschen.


Gegenprobe Real Life

Ich sehe das Stirnrunzeln der Andersempfindenden. Machen wir gemeinsam die Gegenprobe:

Wir springen ins Jahr 2004. Kein Corona-Virus schickt die Menschen ins Homeoffice, kein Remote-Working-Co-Crowd-Space-Zooming-Gemeete macht mich zur digitalen Dame ohne Unterleib. Ich bin aus dem Herbsturlaub zurück, zurück in meiner Real Life Working Bubble aus Kollegen und Mandanten. Ein real-menschlich-berufliches Netzwerk, das Kaffeeküche, Mittagessen und Teammeetings mit selbstgebackenen Plätzchen einschließt.

An jenem Herbstmontag im Jahre 2004 musste ich jedem meiner Mandanten, Kollegen und selbst dem Postboten erzählen, wann und wie dieser neue Ring an meinen Finger gekommen war und wann wir denn nun … und überhaupt wie … groß oder klein … hier oder da … Polterabend … Wen, das wussten sowieso alle. Es gab mal Fotos auf Schreibtischen und Einladungen „in Begleitung“.

Niemand, wirklich niemand, ist damals auch nur ansatzweise auf den Gedanken gekommen, wir würden Berufliches und Privates unzulässig vermischen. Neben der Anwältin blitzte halt mal eben kurz die Menschin auf. Ist ja auch nicht so, dass das nicht ein ganz besonderer Moment in meinem Leben gewesen wäre oder dass frau das gleich zwei- oder mehrmals hätte machen wollen.


Hier, aber nicht dort?

Ende der Gegenprobe mit der Frage: Warum ist etwas im Real Life so Unproblematisches im digitalen Netzwerk so viele Angriffe wert? Gehen wir nicht gerade online, um Beziehungen anzuknüpfen? Unsere sonstigen Partnerschaften posten wir doch nur allzu gerne auf allen Dienstkanälen. Der Jurist gar mit dem Leitspruch: „Wer likt wen - aus was - worauf?“ Die regelmäßige Erinnerungsmail mit dem „Kennst du XY?“-Betreff macht uns nervös, lässt uns ansehen, suchen, Kontakt aufnehmen. Jede neue Geschäftsbeziehung ist ein Pöst-, Verzeihung, ein Postchen wert, egal wie irrelevant lose und um wie viele Grade hinweg bekannt. Sozial also ja, Mensch aber nein?

Es stehe weniger zu befürchten, dass der Computer werde wie der Mensch, befand schon Konrad Zuse, es sei weitaus eher zu befürchten, dass der Mensch werde wie der Computer. Schreckliche Vorstellung, nicht wahr?

Deswegen bleibe ich dabei: Wo ich nicht ab und zu auch Mensch sein darf, habe ich beruflich nichts verloren. Ich will keine Erfolgs-Vermelde-Maschine sein.

Das Private, Emotionsgeladene muss Grenzen haben, sicher. Ich muss mich im Beruflichen nicht emotional Ausbreiten, meine Gefühlslage nicht dauerkommunizieren. Das nervt im Real Life ja auch: Die „kommunikative Art“ der dauer-emotionalen Quasselstrippe aus dem Nachbarbüro ist schließlich „bei Mitarbeitern und Vorgesetzten gleichermaßen geschätzt“, wissen Arbeitszeugnis-Euphemist*innen.


Vorsatz Nr. 1/22

Ich befinde also für mich: Gut gemacht, mein Social-Media-Freund, und alles Gute. Möge Deine Ehe den Lebenszyklus aller Clouds überstehen und der wind of change alle Firewalls auspusten, die sich Euch in den Weg stellen wollen.

Auf die Likes und Hates zu Vorsatz 1/22 bin ich jetzt schon gespannt. Sind ja nur menschlich, die Dinger.

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