Autor*in: Christian Noe
März 01, 2022

„Viel Spezialwissen und Verhandlungsgeschick erforderlich“


 „Viel Spezialwissen und Verhandlungsgeschick erforderlich“

Susan Beaucamp ist seit 1990 als Rechtsanwältin zugelassen. Sie hat sich auf Hunde- und Pferderecht spezialisiert und betreibt mit ihrem Mann eine Kanzlei in Krefeld. Im Interview geht es vor allem um das Juristenhandwerk und die Mandatsführung im sogenannten Hunderecht. Immerhin: das sind in Deutschland derzeit 10,7 Millionen potenzielle „Mandanten“. Ein Gespräch über Landeshundegesetze, Pferdeanwälte, die von Pferden wenig Ahnung haben, und hochemotionale Fallgestaltungen, wenn Hunde in Quarantäne müssen.


Wie kommt man als Anwalt zum „Tierrecht“?

Ich bin von Hause aus Zivilrechtlerin und kam durch das Interesse an Tieren, die eigene Hundehaltung und das Reiten zum „Tierrecht“. Hätte ich keine Pferde gehabt und keine Hunde, wäre ich vermutlich nicht zu dieser Spezialisierung gekommen. Hunderechtliche Mandate sind - im Vergleich zu den pferderechtlichen Fällen - honorarmäßig nicht besonders attraktiv.


Was unterscheidet die beiden Gebiete?

„Pferderecht“ ist in erster Linie Zivilrecht, es geht um gewährleistungsrechtliche Fragen. Ich bin seit circa 25 Jahren hierauf spezialisiert, betreue Mandate bundesweit, aber auch international, wenn beispielsweise Pferde ins Ausland verkauft oder aus dem Ausland gekauft werden. Sich auf „Hunderecht“ zu fokussieren, bedeutet: spezialisierte Kenntnisse der jeweiligen Landeshundegesetze, also besonderes Verwaltungsrecht, zu haben sowie die entsprechende verwaltungsrechtliche Rechtsprechung zu den jeweiligen Landeshundegesetzen zu kennen.


Ist der Anteil der insoweit spezialisierten Anwälte überschaubar?

In Deutschland gibt es etwa 20 sehr bekannte sogenannte Pferderechtler, untereinander kennt man sich natürlich. Wenn sich in einem Rechtsstreit zwei pferderechtliche Spezialisten begegnen, erhöht das in sympathischer Weise die Qualität der Auseinandersetzung.


Bleiben wir bei den kleineren Vierbeinern: Wie viel Spezialwissen fließt in die Mandatsführung ein?

Neben dem juristischen Handwerk muss man verstehen, wie ein Hund kommuniziert. Will man gegenüber den Behörden darstellen, warum in welcher Situation ein Hund eine Person oder einen anderen Hund verletzt hat, muss man kynologische oder verhaltensbiologische Kenntnisse besitzen. Hieran scheitern auch viele Hundehalter, die Gefahrensituationen nicht erkennen oder Kommunikation und Körpersprache der Tiere falsch deuten. Ich verfüge, natürlich auch interessensbedingt, über eine umfassende kynologische Bibliothek und, wie ich denke, über ein sehr hohes Fachwissen bezüglich hundlicher Kommunikation. Natürlich muss man Rassen kennen und unterscheiden. Als Anwalt für „Hunderecht“ sind die Kenntnisse sämtlicher gelisteter Hunde unerlässlich, also jener Hunde, die in einem Großteil der Bundesländer als gefährlich gelten.


Wo lauern hier Schwierigkeiten für Hundehalter?

Probleme können schon beim Erwerb der Hunde entstehen. In Nordrhein-Westfalen beispielsweise dürfen Listenhunde unter bestimmten Voraussetzungen gehalten werden. Unter anderem ist zwingend erforderlich, dass der Hundehalter ein öffentliches Interesse nachweisen kann. Dies liegt nur dann vor, wenn der Hund aus einem nordrhein-westfälischen Tierheim bzw. Tierschutz stammt. Danach erkundigen sich Halter oft nicht, beziehen ihre Hunde über Kleinanzeigen, via Internet, aus anderen Bundesländern usw. Mit dem Ergebnis, dass sie von der Behörde eine Abgabeverfügung, also ein Hundehaltungsverbot, bekommen.


Auch im Pferderecht sind umfassende Fachkenntnisse notwendig

Hier ist das Spezialwissen noch einmal besonders gefragt: Ich denke, es gibt in den Datenbanken circa 8.000 Urteile zum Pferderecht. Ein Pferd ist ein Lebewesen. Vor diesem Hintergrund unterscheiden sich die Urteile, auch wenn ihnen oft gewährleistungsrechtliche Probleme zugrunde liegen, häufig von gewährleistungsrechtlichen Urteilen zum Autokauf. Ein defekter Blinker ist ein Mangel, der unzweifelhaft gewährleistungsrechtliche Konsequenzen auslöst. Zuckt ein Pferd mit dem linken Ohr, ohne dass die Nutzung des Pferdes beeinträchtigt ist, liegt unter Umständen kein Mangel vor. Als Anwalt für Pferderecht ist es zwingend, sich mit den hippologischen, also den pferdewissenschaftlichen Begrifflichkeiten - beispielsweise bezüglich Anatomie, auffälligen Gangbildern, Krankheiten und Symptomen auszukennen. Wenn ein Pferdebesitzer anruft und von Kissing Spines spricht, muss man zunächst wissen, was das überhaupt ist, und ob die Rechtsprechung diese Erkrankung als Mangel ansieht oder nicht, und wenn ja, unter welchen Umständen.


Viele Tierbesitzer wenden sich an allgemeine Kanzleien und denken nicht unbedingt an spezialisierte Tieranwälte. Wie wirbt man und akquiriert Mandate?

Meine Arbeit wäre ohne Digitalisierung bzw. die Präsentation und Ansprache in den sozialen Medien nicht möglich, ich investiere viel Zeit in dieses Thema. Zum einen in meinen Internetauftritt, aber auch dadurch, dass ich regelmäßig in Fachzeitschriften und in meinem Blog publiziere. Der Beginn der hunderechtlichen Spezialisierung begann mit dem Aufbau einer Facebook-Seite zum Thema „Tierrecht“, mit der ich mir in kürzester Zeit eine große Klientel aufgebaut hatte. Das Entscheidende ist der Internetauftritt und sich im Netz mit inhaltsreichen Beiträgen darzustellen. Auch dient die Vernetzung der Akquisition. So betreuen wir zum Beispiel auch Hundetrainer, und die wiederum empfehlen unsere Kanzlei den Hundehaltern. Ein Drittel unserer Mandate kommt auf diese Weise zustande.


Das sind dann welche?

Die häufigste Konstellation bleibt: Ein Hund hat einen Menschen oder anderen Hund gebissen. Wurde ein Mensch gebissen, öffnen sich drei Bereiche: Zivilrechtlich sind dann Schadensersatzansprüche geltend zu machen oder abzuwehren, diese Verfahren betreue ich nicht, es sei denn jemand macht wiederum Schadenersatz gegen einen Hundehalter geltend, aber nicht die Abwehr von Schadenersatzansprüchen. Strafrechtlich betreue ich Mandanten, die wegen fahrlässiger Körperverletzung angezeigt wurden. Dies macht ungefähr ein Drittel meiner Tätigkeit aus.

Der dritte Bereich ist die Landeshundegesetzgebung. Die Polizei macht üblicherweise eine Kontrollmitteilung an das Ordnungsamt für den Fall, dass ein Hund einen Menschen verletzt. Aber auch wenn kein Mensch verletzt ist, werden Hundehalter, deren Hund einen anderen Hund verletzt hat, beim Ordnungsamt häufig von dem anderen Hundehalter angezeigt. Dann folgt fast immer die Einleitung eines sogenannten Gefährlichkeitsfeststellungsverfahrens.


Und diese Verfahren haben besonders stark zugenommen

Das gehört zum besonderen Verwaltungsrecht, manchmal kommt es zu einem OWi-Verfahren mit Bußgeldern. Meine Ziele orientieren sich zwangsläufig an der Gesetzeslage, idealerweise wird das Verfahren eingestellt, im zweitbesten Fall kommt es zu Auflagen wie Leinen- oder Maulkorbpflicht. Im schlechtesten Fall wird der Hund als gefährlich festgestellt. Das versuche ich zu verhindern, es kommt orientierend an den unterschiedlichen Landeshundegesetzen auch zu amtstierärztlichen Begutachtungen der Hunde. Mandanten in Gefährlichkeitsfeststellungsverfahren zu betreuen, deckt 70% meiner juristischen Arbeit im Bereich des Hunderechts ab.


Zu Beginn der Corona-Pandemie haben sich viele Menschen ein Tier angeschafft. Selbst Züchter berichteten von einer kaum zu bewältigenden Nachfrage

Bei Welpen gibt es einen Klassiker: die Einfuhr illegaler Tiere. Wöchentlich rufen mich ungefähr drei bis vier verzweifelte Menschen an, die Welpen aus dem Ausland eingeführt haben oder haben lassen. Oft haben die Tiere keine Tollwutimpfung bzw. diese ist nicht korrekt im Impfpass erfasst oder der Pass ist gefälscht. Die Welpenkäufer gehen dann zum Tierarzt, der liest den Chip aus und stellt fest, dass der Hund nicht ausreichend tollwutgeimpft ist. Das Veterinäramt wird informiert, der Hund wird abgeholt und landet für Monate isoliert in Quarantäne, also in dieser extrem wichtigen Prägungs- und Sozialisationsphase der frühen Jugend.


Welche Handlungsspielräume bleiben Ihnen dann?

Einmal konnte ich eine Quarantänezeit von dreieinhalb Monaten auf zwei verkürzen, aber es gibt auch Fälle, wo die Veterinäre die Tiere so lange wie möglich isolieren, das können dann auch über fünf Monate werden. Man muss das Tierseuchengesetz kennen, welche Einfuhrbestimmungen gelten, unterscheiden zwischen gelisteten und nicht gelisteten Drittländern. Man hat häufig außergerichtlich wenig „Einfluss“ auf die Veterinärämter. Hinzu kommt, dass verwaltungsgerichtliche Verfahren extrem lange dauern. Die grundsätzliche Haltung der Gerichte in Verfahren gegen Veterinärämter ist, dass die Kompetenz hier in Deutschland über Tierwohl und Tierleid allein beim Amtstierarzt liegt.


Wie groß ist ihr Netzwerk und welche Expertise holen Sie im Einzelfall ein?

Mit Fachleuten vernetzt zu sein, ist wichtig. Kürzlich mandatierte uns zum Beispiel ein Hundetrainer, der verklagt wurde, da ein Hund einen anderen Hundehalter schwer im Gesicht verletzt hatte. Es geht in diesem Fall auch um hohe Summen. Im Rahmen solcher Mandate spreche ich mit anderen Hundetrainern, wie deren Sicht und Erfahrungswerte sind. Man tauscht sich mit Sachverständigen und Tierärzten aus, lässt auch Gutachten erstellen. Im Pferderecht ist es nicht anders, hier kommuniziere ich regelmäßig mit Pferdetierärzten oder eben auch mit Sachverständigen. Ansonsten beobachte ich die aktuelle Forschung und beschäftigte mich mit neuer kynologischer oder hippologischer Literatur, was dann auch in meine Arbeit einfließt.


Kümmern sich Hundebesitzer heute besser um Erziehung und einen geschulten Umgang mit ihren Vierbeinern?

In diesem Bereich sehe ich einen deutlichen Fortschritt. Heute finden sich viel mehr Trainer und Hundeschulen und auch immer weniger Hundebesitzer, die keine Hundeschule besuchen. Die Corona-Pandemie hat diese Entwicklung zwar „gebremst“. Hundeschulen konnten nicht mehr arbeiten und nun sehen wir dann die erste Generation nicht erzogener Hunde, die bedauerlicherweise viel allein sind und durch fehlende Sozialisierung Verhaltensauffälligkeiten entwickeln.


Die Konflikte unter Hunden nehmen zu

Ich sehe einen Grund in der irrsinnigen Hundedichte, die schon vor der Pandemie erkennbar wurde. Dort wo ich mit meinen Hunden unterwegs bin, laufen manchmal bis zu 350 Hunde täglich auf relativ kleinem Terrain. Unterschiedlichste Rassen, unterschiedliche Menschen, die aufeinandertreffen. Hunde tragen Konflikte aus, wenn der Raum begrenzt ist, viele Ressourcen vorhanden sind, um die es sich lohnt, zu kämpfen. Viele Hundehalter sind nicht fähig, Kommunikation und Verhalten ihres Hundes richtig zu deuten. Zu Bissverletzungen kommt es häufig, weil der jeweilige Hundehalter hundliches Verhalten schon vorher nicht richtig einordnen konnte.


Wie würden Sie das gewichten?

70% der Verletzungen an Menschen und anderen Hunden sind letztendlich von der Motivation des Hundes her viel harmloser als angenommen oder entstanden allein durch Missachtung der Kommunikation des Hundes (Warnungen). Die Hundehalter sind auch anzeigefreudiger geworden. In einsameren, nicht verdichteten Räumen bzw. auf dem Land zeigen sich diese Probleme viel weniger.


Warum wenden sich auch Ausbilder und Tierschutzvereine an Sie?

2017 wurde der § 11 TierSchG neu gefasst und Hundetrainer wurden genehmigungspflichtig. Der Gesetzgeber wollte die Qualität des Hundetrainings erhöhen und den Bereich professionalisieren. Rund um die Erlaubnispflicht entstand bei vielen Hundetrainern bzw.  Hundeschulen deutlicher Beratungsbedarf. Daher haben uns seitdem nicht nur verstärkt Hundetrainer mandatiert, die wir zu Genehmigungsverfahren beraten.

Tierschutzvereine vermitteln viele Tiere aus dem Ausland, auch das geht nur mit einer Genehmigung. Diese sind häufig an „abstruse“ Auflagen gebunden, die für Tierschutzvereine vor allem auch einen erheblichen administrativen Aufwand darstellen. Ich fertige für die Vereine sogenannte AGBs, Tierschutzverträge, Übergabe- oder Pflegeverträge ohne und mit Übernahmeoption. Es werden auch viel mehr Hunde vermittelt, als es früher der Fall war.


Resultiert hieraus weiteres Konfliktpotenzial?

Manche Hunde sind krank, brauchen ggf. Medikamente. Häufig versuchen Hundehalter, die Tierschutzorganisationen dann auf diese Tierarztkosten in Anspruch zu nehmen. Mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg. Die Klientel hat sich verändert und Tierschutzvereine sind immer häufiger mit solchen Forderungen konfrontiert. Bei Assistenzhunden geht es um zivilrechtliche Auseinandersetzungen, z.B. wenn eine Person mit einem ausgebildeten Tier nicht zurechtkommt und die Tierausbilder in Anspruch nimmt.


Manchmal bewegt es sich auch in Richtung einer eher mediativen Tätigkeit

Viel Verhandlungs- und taktisches Geschick ist bei Auseinandersetzungen mit Veterinärämtern gefordert, wenn z.B. eine tierschutzwidrige Haltung vorgeworfen wird. Wir sind bei diesen Verfahren ambivalent, da wir auch immer das Tierwohl im Auge haben. Über diese Ambivalenz werden unsere Mandanten vor Aufnahme des Mandats ausführlich aufgeklärt. Es ist nicht immer und um jeden Preis eine Rückführung von Tieren anzustreben, uns fällt dann eher eine mediative Aufgabe zu. Zum Beispiel, indem wir darauf hinwirken, dass die Anzahl der Tiere reduziert wird, um für die verbleibenden Tiere auch ein optimales, artgerechtes Leben zu schaffen. Nicht zuletzt ein weiterer interessanter Aspekt in unserer Kanzlei, dass wir den Tierschutz im Auge haben.

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