Autor*in: Julia Torner
März 09, 2021

Juristen, Prokrastination und Fristablauf


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Dienstagmorgen. 8 Uhr. Sie genießen gerade einen aromatischen Kaffee und scrollen durch den Newsfeed, da klopft es an Ihrer Bürotür. Sie wissen, wer es ist und bekommen kurz ein ungutes Gefühl: schlechtes Gewissen. Ihre Sekretärin schaut fragend zur Tür herein:

„Hatten Sie am Wochenende Zeit....?“

Die Kanzleisoftware ist veraltet und Sie hätten sich längst Gedanken machen müssen, welchen neuen Anbieter Sie bevorzugen. Wahrlich nicht Ihr Lieblingsthema.

„Nein, leider nicht. Unser Kind wurde krank und Sie wissen ja...“

Ihre ReFa unterbricht und winkt ab: Ach ja, schon gut. Das verstehe ich.“

Sie hat mit keiner anderen Antwort gerechnet. Das Projekt zieht sich schon seit Monaten, weil Ihre Entscheidung aussteht.



Kennen Sie derartige Situationen?



Das Thema Prokrastination („Aufschieberitis“) kennt wohl jeder von uns. Juristen sind besonders gut darin und schaffen es, Schriftsatzfristen bis zum letzten Tag auszureizen. Dass gerade Rechtsanwälte Meister im Aufschieben wichtiger Dinge sind, hat aber einen nachvollziehbaren Grund, denn: es gibt quasi ein Gesetz dafür!



PROKRASTINATION, GESETZLICH GEREGELT: DAS PARKINSON'SCHE GESETZ

Das Parkinson'sche Gesetz zum Bürokratiewachstum des britischen Soziologen Cyril Northcote Parkinson statuiert:

"Work expands so as to fill the time available for its completion."

Sinngemäß: Eine Aufgabe dehnt sich so lange aus, wie Zeit zu ihrer Erledigung zur Verfügung steht. Unabhängig von der tatsächlichen Komplexität. Mit anderen Worten: Zeit und Raum für Prokrastination bis kurz-vor-knapp.

Meist liegt es daran, dass wir anfangs - beim Gedanken an die zu bewältigende Aufgabe - ein latentes Unwohlsein verspüren. Sei es, weil wir sie zäh und langweilig finden oder weil wir meinen, ihr nicht gewachsen zu sein. Durch das Aufschieben der Tätigkeit entkommt man diesem Gefühl kurzzeitig. Wenn jedoch das Fristende naht, wechselt das Unwohlsein quasi das Bezugsobjekt: erst verursachte der Gedanke an die Tätigkeit selbst das ungute Gefühl, später ist es der Gedanke an den Fristablauf. Dem kann man dann irgendwann tatsächlich nur noch durch das Erledigen der Aufgabe beikommen.

Allem zugrunde liegt unser Bedürfnis, innerhalb unserer Komfortzone zu bleiben. Durch das Prokrastinieren versuchen wir, lästige Tätigkeiten zu vermeiden, schaffen dadurch aber nur neue Probleme in der Zukunft, denn die unbewältigte Aufgabe sitzt uns im Nacken und im Falle versäumter Frist drohen weitere Konsequenzen. Das Vermeiden einer bestimmten Aufgabe kostet  am Ende meist mehr Zeit und Energie als ihre prompte Erledigung.



URSACHEN FÜR PROKRASTINATION UND LÖSUNGSANSÄTZE

Gründe für Prokrastination gibt es viele, beispielsweise:

  • Perfektionismus: Sie möchten Alles perfekt machen. Doch bei den meisten Tätigkeiten ist das unrealistisch oder würde unverhältnismäßig viel Zeit kosten. Es ist ok, „nur“ das individuell Bestmögliche zu tun.
  • Empfänglichkeit für Ablenkungen: Anrufe, e-mails, Social-Media-Benachrichtigungen, Homeschooling,... - Ablenkungen gibt es zuhauf, sowohl in der Kanzlei als auch im Homeoffice. Deaktivieren Sie die Benachrichtigungen Ihres Mobiltelefons oder konfigurieren Sie sie entsprechend. Checken Sie Ihre e-mails nur zu bestimmten Uhrzeiten. Terminieren Sie ein Zeitfenster am Tag, an dem Sie völlig ungestört und hoch konzentriert arbeiten können. Tipp für's unruhige Homeoffice: Noise-cancelling Kopfhörer.
  • Langeweile: Die Aufgabe ist zäh oder macht absolut keinen Spaß? Erledigen Sie die unangenehmste Aufgabe morgens als erstes. Belohnen Sie sich, wenn Sie sie erledigt haben. Bei größeren Projekten: Binden Sie Ihre Mastermind-Gruppe ein oder suchen Sie sich einen sog. goal buddy, der später nachhakt, ob Sie erledigt haben, was Sie sich vorgenommen hatten.
  • Versagensangst, Impostor-Syndrom, Burnout, Depression: Gönnen Sie sich eine Auszeit. Recherchieren Sie die Thematik im Netz. Wenn Information & Reflexion Sie nicht weiterbringen, suchen Sie sich professionelle Hilfe.



WARUM SCHIEBEN SIE ES IMMER WIEDER AUF?

Natürlich schieben wir alle hier und da unliebsame Tätigkeiten auf. Wenn das jedoch regelmäßig bei wichtigen Angelegenheiten passiert oder Fristsachen ständig am letzten Tag erledigt werden, sollte man das Verhalten vielleicht einmal intensiver überdenken. Schließlich sorgt dieses ständige Vermeiden unbemerkt für weiteren Stress.



PACKEN SIE ES AN!

Ein erster Schritt wäre, bewusster mit der Prokrastination umzugehen. Wenn Sie das nächste Mal eine wichtige Tätigkeit aufschieben wollen, fragen Sie sich direkt: Warum prokrastiniere ich jetzt wirklich? Prokrastination hat weniger mit fehlendem Zeitmanagement zu tun. Es steht vielmehr für alternative Tätigkeiten im Vakuum zwischen dem Wissen um die Notwendigkeit der zeitnahen Erledigung und dem tatsächlichen Tätigwerden.

Schieben Sie derzeit auch eine bestimmte Aufgabe - womöglich schon wochenlang - vor sich her? Erledigen Sie sie direkt morgen früh als erstes. Eat the frog first, heißt es. Es wird Sie befreien.



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