Autor*in: Christiane Eymers
Apr. 28, 2022

Ikigai: Schnittmenge für ein erfülltes Anwaltsleben


Ikigai: Schnittmenge für ein erfülltes Anwaltsleben

Den ganzen Tag super beschäftigt und abends nur der von einem etwas leeren Gefühl begleitete Gedanke: „Ja, ich habe echt viel geschafft heute, aber so richtig erfüllt hat es mich nicht“ – ist Ihnen das schonmal so ergangen? Trägt Ihre Berufstätigkeit dazu bei, dass Sie sich zufrieden fühlen und glücklich, dass sie oft den berühmten „Flow“ erleben? Oder ist das Ganze ein wenig aus der Balance geraten und wirkt sich eher belastend auf Ihr Wohlbefinden aus?

Natürlich gibt es immer solche und solche Tage, das Leben ist geprägt davon, dass uns hellere und dunklere Zeiten präsentiert werden, manche unserer beruflichen Aufgaben liegen uns eher als andere und abhängig von unserer Tagesform sind wir auch nicht immer mit dem gleichen Enthusiasmus unterwegs. Das Auf und Ab gehört zum Leben und wir sollten uns auch nichts anderes einreden lassen – auch nicht von denen, die meinen, wenn wir noch nicht vollständig remote das ganze Jahr über von Bali aus arbeiten, könne es ja nicht funktionieren mit dem Glück und dann wären wir einfach noch nicht kompromisslos genug dafür unterwegs mit dem richtigen Mindset. So einfach ist es nicht, denn auch auf Bali müssen wir mit uns selbst klarkommen und Entscheidungen treffen, die zu uns passen. Gleichzeitig können wir an allen Orten sehr viel dafür tun, unser Leben so zu gestalten, dass es uns gefällt. So dass wir uns meistens erfüllt fühlen und zuversichtlich bleiben an den anderen Tagen. Und das ziemlich unabhängig davon, wo wir uns gerade aufhalten und welche unserer To-Do‘s wir gerade bearbeiten.

Im Alltag schalten wir oft auf Autopilot und merken gar nicht so recht, ob noch alles stimmt. Wenn Sie mögen, schauen Sie doch mal mit dem Ikigai auf Ihr Leben und machen mal wieder eine Bestandsaufnahme. Das Modell des „Ikigai“ ist ein japanisches Modell mit vier Bereichen. Wenn diese alle vier gegeben sind, soll in ihrer Schnittmenge unser ganz persönliches Ikigai entstehen, unser ganz eigenes, erfülltes Lebensgefühl.

Das sind die Bereiche:

  • Freude
  • Kompetenz
  • Sinn
  • Einkommen

Finden Sie diese vier Bereiche wieder in Ihrem Arbeitsalltag? Manchmal herrscht ein ziemliches Ungleichgewicht und für einen begrenzten Zeitraum kann das auch völlig in Ordnung sein. So haben zum Beispiel unheimlich viele Kolleginnen und Kollegen nach dem Angriff auf die Ukraine in kürzester Zeit umfassende Informationen bereitgestellt, Hilfe für Flüchtlinge angeboten und ohne Bezahlung an so vielen Stellen unterstützt. Das ist eine Situation, in der der Sinn der Tätigkeit so besonders hoch ist, dass das fehlende Einkommen dahinter zurücktritt. Es gibt immer wieder solche besondere Situationen. Auf Dauer würde allerdings eine Tätigkeit, an der wir zwar Freude haben oder die uns sinnvoll vorkommt, mit der wir aber den eigenen Lebensunterhalt nicht sicherstellen können, nicht genauso zufrieden machen. Umgekehrt kann eine gute Bezahlung auf Dauer nicht das Gefühl ausgleichen, mit sinnlosen Aufgaben beschäftigt zu sein.


Ein näherer Blick auf die einzelnen Bereiche:


Freude

Wo liegt bei Ihnen die Freude? Gehen Sie auf in komplizierten Schriftsätzen, in der Mitarbeiterführung, der stetigen Weiterentwicklung der Kanzleitechnik oder in den Verhandlungen vor Gericht? Manchmal wissen wir das gar nicht mehr so genau, weil wir einfach alles erledigen, was so auftaucht. Und das schaffen wir dann ja auch. Wenn Sie den Überblick verloren haben, was Ihnen Freude macht, beobachten Sie sich doch selbst mal eine Weile. Wann kommen Sie in den Flow? Welches sind die guten Tage und was genau haben Sie an diesen gemacht?


Kompetenz

Natürlich sind Sie kompetent, Sie haben ja offensichtlich die Staatsexamen absolviert und auch wenn Prüfungen sicherlich nicht das Maß aller Dinge sind und die Examen nicht viel über die Eignung für einen bestimmten juristischen Beruf aussagen, so sind sie doch die offizielle Befähigung hierfür und eine gute Grundlage für alles Weitere. Viele Anwälte setzen dazu auf eine Spezialisierung und erarbeiten sich Fachanwaltstitel oder andere Zusatzqualifikationen. Hier lohnt es sich schon zu schauen, ob die besondere Kompetenz sich mit dem ersten Punkt überschneidet. Bilden Sie sich in den Bereichen fort, die Ihnen Freude machen.


Sinn

Warum hatten Sie nochmal mit dem Jura-Studium begonnen? Der Wunsch, andere Menschen zu unterstützen, die Überzeugung Teil eines wertvollen Rechtssystems zu sein, die Lust auf den Kampf um die Gerechtigkeit? Wir fühlen uns in der Regel umso besser, je mehr wir eine Auswirkung unserer Tätigkeit auch für andere Menschen sehen, sei es in unserem persönlichen Umfeld oder für die Gesellschaft insgesamt.


Einkommen

Etwa bei 60.000,- € jährlich soll die Glückskurve gar nicht mehr steigen, wenn sich das Einkommen weiter erhöht. Vielleicht konnten Sie das schon persönlich beobachten. Die Einkommensstrukturen der Kanzleien sind sehr unterschiedlich – mit welchem Gefühl schauen Sie auf Ihr Einkommen? Passt es zu den ersten drei Bereichen?

Und insgesamt: Bei welchem der Punkte fällt es Ihnen schwer, ehrlich und genau hinzuschauen? Es könnte genau der sein, den es sich lohnt anzupacken. Der, dessen Veränderung erstmal schwer scheint und bei dem dann die Auswirkungen die größten sind auf die Schnittmenge der vier Bereiche des Ikigai. So dass Sie abends immer öfter denken: „Ja, das war vielleicht viel heute, aber gleichzeitig auch viel Freude und ich weiß, wofür ich es gemacht habe.“

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